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Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

die Sonne stand zum Gruße der Planeten,

bist alsobald und fort und fort gediehen,

nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,

so sagten schon Sibyllen, so Propheten;

und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

 

Urworte orphisch -  J. W. v. Goethe

 

Es gibt für alles eine Zeit

für jedes Ding da unterm Himmel eine Stunde

Für das Geborenwerden gibt es eine Zeit

und eine Zeit fürs Sterben

Fürs Pflanzen gibt es eine Zeit

und eine Zeit Gepflanztes auszureißen

Fürs Töten gibt es eine Zeit

und eine Zeit fürs Heilen

Fürs Niederreißen gibt es eine Zeit

und eine Zeit fürs Aufbauen

Fürs Weinen gibt es eine Zeit

und eine Zeit fürs Lachen

Fürs Klagen gibt es eine Zeit

und eine Zeit fürs Tanzen.

 

Buch des Predigers, Kap. 3, 1-4

 

 

Astrologie und Narration

in Wolfram von Eschenbachs ‚Parzival‘

 

- Magisterarbeit -

 

 

                                                                                 von: Bianca Schmale 

 

 

Gliederung

 

Einleitung 1

 

1. Astrologischer Exkurs 4

1.1 Die hellenistische Tradition 7

1.2 Die arabische Tradition 10

 

2. Astrologie und Christentum 14

2.1 Frühes Christentum 14

2.2 Rezeption der Astrologie im frühen Mittelalter 19

2.3 Rezeption der Astrologie im Hochmittelalter 20

 

3. Interkulturelle Wissensvermittlung und mittelalterliche           Denkbilder 28

3.1 Die spanisch-arabische Kultur 28

3.2 Mittelalterliche Kosmologie 33

3.3 Mittelalterliche Philosophie 35

 

4. Saturn-Bilder 39

 4.1 Saturn-Kronos in der Antike 39

 4.2 Saturn-Deutung in der mittelalterlichen Astrologie 41

4.3 Saturn-Deutung in der modernen Astrologie 44

4.4 Saturn und Anfortas 46

 

5. Astrologische Passagen im ‚Parzival' 49

5.1 Kyôt, die Sterne und der Gral 49

5.2 Die Saturnkonstellation im Trevrizent-Gespräch 53

               - Parzivals erste Einkehr in Munsalvaesche

5.3 Parzival und Feirefîz - Abendland und Morgenland 58

 5.3.1 Wolframs anderes Orientbild 63

 5.3.2 Zur Utopie bei Wolfram von Eschenbach 70

5.4 Cundry und die Berufung Parzivals zum Gral 72

5.5 Parzivals Einzug in die Gralsburg 74

 - die Erlösung des Anfortas

 

6. Narration 82

 6.1 Erzähler und Autor 82

 6.2 Erzählmittel und Erzählstrategie 85

 6.3 Beglaubigung des Erzählten 86

6.4 Zur Narration der astrologischen Passagen 91

 

Schluß 97

 

Literatur 101

 

Anhang

 

 

Einleitung

 

Wolframs ‚Parzival' war schon zu seiner Zeit ein "Bestseller" und zählt zu den meistgehörten Dichtungen im 13. Jahrhundert. In diversen Handschriften wurde das Werk bis in unsere Zeit tradiert. Eine Vielzahl von Autoren hat sich in der eigenen literarischen Arbeit auf die Wolfram-Dichtung bezogen 1.

Dieser Klassiker mittelhochdeutscher Dichtkunst ist schon zu allen nur möglichen Fragestellungen bedacht worden. Dennoch beginnt mit jedem neuen Lesen auch eine neue Entdeckungsreise.

Mein Blick blieb an den astrologischen Einschüben hängen. Auf der Suche nach dem Gral entführt uns Wolfram von Eschenbach mit den Geschichten Gahmurets zunächst in den Orient. Uns wird vom Heiden Flegetânîs erzählt, der aus den Sternen las, wo der Gral zu finden sei. Trevrizent erklärt, was es mit dem Leiden des Anfortas auf sich habe, die sich immer dann mehren, wenn Saturn seinen höchsten Stand erreicht. Die Zauberin Cundry nennt die arabischen Namen der sieben damals bekannten Planeten. In Feirefîz und Parzival begegnen sich nicht nur zwei Brüder sondern auch Orient und Okzident.

Zur Biographie Wolframs ist wenig bekannt. Das schließt mit ein, daß nur sein Werk und zeitgenössische Zeugnisse Rückschlüsse auf Wolframs Bildungsstand zulassen. Es wird davon ausgegangen, daß er nur wenig Latein verstanden hat, da er keine klösterliche, also lateinische Ausbildung hat genießen dürfen 2. Wo genau Wolfram seine Sternenkenntnisse erworben hat und wie umfangreich dieses Wissen war, läßt sich nicht nachweisen. Die astronomisch-astrologischen Schriften hielten jedoch in lateinischer Übersetzung Einzug in Europa. Gleichwohl scheinen die Konstellationen des Saturn nicht ohne Bedeutung gewählt zu sein. Dieser Spur zu folgen, weckte mein Interesse.

Eine Bearbeitung der zahlreichen vollständigen sowie fragmentarischen Handschriften wäre nicht möglich gewesen. Verwendet wurde die Parzivalerzählung in der Übertragung von Karl Lachmann 3. Diese Arbeit ist demnach weniger forschend, da ihr kein Quellenstudium zugrunde liegt, sondern mehr deskriptiv. Der Titel "Astrologie und Narration" zeigt die Themen an, mit der sich die vorliegende Arbeit beschäftigen will. Um einen Zugang zur Astrologie im ‚Parzival' zu gewinnen, möchte ich in einem astronomisch-astrologischen Exkurs zunächst die hellenistische und die arabische Tradition vorstellen. Über die spanisch-arabische Welt hielt das Wissen der Antike schließlich Einzug in das Europa des frühen und hohen Mittelalters, also in die Welt Wolfram von Eschenbachs. Er selbst nennt Toledo als Fundort seiner "Quelle".

Die Tatsache, daß Wolfram neben dem verchristlichten Symbol des Grals auch die heidnischen Sternengötter nennt und beide harmonisch nebeneinander stehen lassen kann, wirft die Frage nach der "Verträglichkeit" von Astrologie und Christentum auf, der ich ebenfalls nachgehen werde. Ein Überblick über die mittelalterliche Kosmologie und Philosophie schließt den ersten Teil ab und dient der Erhellung mittelalterlicher Denkbilder, ein Ausschnitt des geistigen Kosmos, vor dessen Hintergrund Wolfram sich in seiner Zeit bewegte.

Die zu untersuchenden astrologischen Textpassagen kreisen immer wieder um den äußersten der damals bekannten Planeten: dem viel gefürchteten Saturn. In den "Saturn-Bildern" werde ich den Bedeutungen Saturns nachspüren: von der antiken Mythologie bis zur mittelalterlichen Wahrnehmung - mit einem Ausblick auf das Saturnbild unserer Tage. Die Beziehung zwischen Saturn und dem Gralskönig wird zu deuten sein wie auch die Textpassagen selbst unter der Fragestellung, wie Wolfram die Astrologie für sein Werk verwendet.

Der Blick auf die Astrologie im "Parzival" bildet zweifellos den größeren Teil. Daneben werde ich mich dem zweiten Thema, der Narration, zuwenden. Nach ersten allgemeinen Beobachtungen zum Erzähler sowie der verwendeten Erzählmittel und Erzähltechniken möchte ich herausarbeiten, wie die astrologischen Passagen im Parzival erzähltechnisch eingebracht werden und welche Funktion ihnen damit zufallen.

Es muß nicht betont werden, daß diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Sie lädt mehr zu einem Panoramablick ein, bei dem gleichsam die Zeit für das Verweilen in Naheinstellungen zu rasch verging.

 

 

1.

Astrologischer Exkurs

 

Der Physiker und Astronom Percy Seymour veröffentlichte 1988 das Buch "Astrologie: Beweise der Wissenschaft" 4. Ein Naturwissenschaftler, der sich für die Astrologie ausspricht - das ist schon etwas Besonderes. Seymours Theorie beruht auf Analysen, die die Kräfteverhältnisse zwischen den Planeten untersuchen und den Beziehungen zwischen planetarischer Gravitation, Erdmagnetfeld und Resonanz nachspüren. Eine Theorie, die den Einfluß der Sterne auf den Menschen naturwissenschaftlich zu beweisen sucht. Dieser wissenschaftliche Blick auf die Astrologie unserer Tage erinnert daran, daß Astronomie und Astrologie einst ungetrennt miteinander verbunden waren und diese Einheit im Mittelalter als Naturwissenschaft begriffen wurde.

Wie Knappich 5 berichtet, war es von der Sternenbeobachtung bis zur Kalendererstellung und der Berechnung von Planetenbewegungen sowie des In-Beziehung-Setzens von Gestirnkonstellationen und konkreten Ereignissen ein weiter Weg. Schon im 3. Jahrtausend berechneten die ägyptischen Priester das Jahr auf 365 1/4 Tage. Sie verehrten und vergöttlichten insbesondere die Sonne. Die Ägypter kannten drei Jahreszeiten, zwölf Monate, sechsunddreißig Dekane, zwölf Tages- und zwölf Nachtstunden. Jeder dieser Zeiträume wurde von Göttern regiert. Die je zwölf Manifestationen des Sonnengottes bildeten vermutlich schon die Vorlage für die zwölf Himmelshäuser des Horoskops. Die Ägypter stellten noch keine Horoskope, sie deuteten die Qualität einzelner Tage und Stunden. Die Urheimat der Sternenkunde ist bereits im Mesopotamien der sumero-babylonischen Kultur anzusiedeln. Die fünf sichtbaren Wandelsterne repräsentieren die mit verschiedenen Eigenschaften ausgestatteten Gottheiten. So gab es den Sonnengott Schamasch, dem die Bereiche Leben, Gerechtigkeit und Weissagung zugeordnet waren, den Mondgott Sin, dem die Zeiten, das Pflanzenwachstum und das Schicksal zugehörten. Die Venus in doppelter Erscheinung als Abend- und Morgenstern wurde als Ischtar verehrt, die als Morgenstern Kriegsgöttin und als Abendstern Liebesgöttin war. Im weißen Stern Jupiter zeigte sich Marduk, Schutzgott Babylons und von den Priestern als höchster Gott verehrt. Im Wandelstern Merkur zeigte sich der den Wissenschaften und mantischen Künsten zugeordnete Gott Nabu, der zudem den "Stift der Schicksalstafel" führte (seine Gefährtin Nisaba war die Göttin der Schrift, der Zahl und Schutzgöttin der Astrologie - erwähnenswert, weil diese Eigenschaften später dem Merkur zugesprochen werden). Der rotleuchtende Mars stand für Nergal, dem unheilbringenden Unterweltsgott, der nicht nur die Geschicke der Toten lenkte, sondern auch über die Waffen und das Gericht wachte. Saturn, der äußerste sichtbare und sich sehr langsam bewegende Planet hieß semitisch Kaimanu = der Beständige. In ihm sahen die Babylonier die müde gewordene Sonne bei Nacht. Saturn wurde auch mit Ninurta, dem Sturm- und Jagdgott verbunden.

Die Annahme, daß alles, was am Himmel ist und geschieht, auch auf der Erde zu finden sein muß, sich also gleichsam abbilde, führte zu sorgsamer Beobachtung und Registrierung des Sternenhimmels. 1847 fand man bei den Ruinen von Ninive ungefähr 25.000 Tontäfelchen. Etwa 4.000 davon beinhalten die Omensammlung König Aschurbanipals (669-626), Aufzeichnungen dieser himmlisch-irdischen Entsprechungen. Die Prognosen der babylonischen Astrologen gründeten sich auf Beobachtung und Erfahrung und suchten Auskunft über Naturereignisse, Ernten, Seuchen, Krieg und Thronfolge zu geben. Die himmlische Zeichendeutung war zunächst ausschließlich mundaner Art.

Die Babylonier schufen bereits das System des Tierkreises mit den zwölf Tierkreiszeichen, die ein Abbild des Jahres mit seinen zwölf Monaten zu je dreißig Tagen - analog zu dreißig Grad pro Tierkreiszeichen - waren. Die zwölf Zeichen sind in einem Keilschrifttext aus dem Jahr 419 v. Chr. dargestellt. Auch unter dem kulturellen Einfluß der Perser, die 539 v. Chr. unter Kyros Babylonien erobert hatten, dann der Achaimeniden, der Seleukiden, der Parther und schließlich der Griechen, entwickelte sich die Astrologie weiter. "Die Astrologie war das einzige Gebiet, auf dem babylonischer Geist, bereichert durch griechische Theorien, noch in der Spätzeit sehr fruchtbar war. Erst nach 500 entstand eine die alten Beobachtungsreihen nutzende rechnende Astronomie, der so wichtige Entdeckungen wie die der Präzession der Tag- und Nachtgleichen durch Kidinnu/Kidenas um 380 gelangen" 6.

Zwar entdeckten die Babylonier die Präzession 7, konnten sie aber nicht berechnen und wendeten sie auch nicht an, denn sie benutzten den siderischen Tierkreis, der von den Fixsternen ausgeht.

Die Perser gingen von der Einmaligkeit des Daseins aus und glaubten an die Vorherbestimmung des Schicksals. "So wurde noch auf  babylonischem Boden der Grund zu einer methodisch ganz verschiedenen Art, zur Geburtsastrologie, gelegt, die statt der kontinuierlichen kosmisch-irdischen Beziehungen die einmalige und dauernde Prägung von Charakter und Schicksal des Menschen in der Stunde der Geburt lehrte" 8. Damit war ein Meilenstein in der Astrologie gesetzt.

Eine besondere Priesterschaft in Ägypten, das unter der Herrschaft der Ptolemäer stand, trug den Namen "Horoskopoi", was Stundenschauer bedeutet. Sie widmeten sich der Zeitmessung und Deutung der Zeitqualität. Auch in Ägypten glaubte man an ein feststehendes Schicksal. Neben anderen Schicksalsgottheiten gab es die sieben Hathoren, die zusammen mit Thot an die Wiege des Neugeborenen traten und ihm das Schicksal verkündeten. Die Hathoren wurden mit den sieben Planeten und Thot mit Hermes gleichgesetzt 9.

Die sumero-babylonische Astrologie, die durch die babylonischen Gelehrten nach Alexandria gelangte, sollte von dort aus die hellenistische Kultur tief beeinflussen.

 

 

1.1 Die hellenistische Tradition

 

Knappich erwähnt als schriftliche Zeugnisse graeco-ägyptischer Autoren das "Buch des Hermes" und das "Grundbuch der hellenistischen Astrologie". Das erste erfährt leider keine zeitliche Einordnung, soll aber alle wichtigen Elemente der Geburtshoroskopie enthalten haben. Das zweite ist auf 150 v. Chr. datiert 10.

Hipparch gelang es als erstem, die Präzession zu berechnen. Seine zweite besondere Leistung war die Entdeckung der Trigonometrie. So wurden die rückläufig erscheinenden Bewegungen der Planeten als perspektivische Täuschung erkannt. Wir hätten von Hipparch kaum etwas erfahren, hätte nicht Claudius Ptolemäus (ca. 83 -161 v. Chr.) das Wissen der Astronomen und Astrologen gesammelt und geordnet. Ptolemäus wirkte in Alexandria, die nicht nur wirtschaftlich sondern auch kulturell eine bedeutsame Stadt war. Ptolemäus war Astronom, Astrologe, Mathematiker und Geograph. Nicht alle seiner zahlreichen Werke sind erhalten geblieben. Er schrieb über Optik und Mechanik, Geographie und planetarische Hypothesen. Bekannt ist seine große Abhandlung über die Astronomie, der Almagest. Die Adaptionsgeschichte dieses Werkes spiegelt sich in der Veränderung seines Namens wider. Der ursprüngliche Titel lautete schlicht "Mathématiké syntaxis" und bedeutete mathematische Zusammenstellung, wurde dann zur "mégale" ‚großen' Zusammenstellung, bis die Araber im 9. Jahrhundert das Werk übersetzten, daraus "megisté" ‚größte' Zusammenstellung machten und mit einem Titel versehen "al-majisti" daraus werden ließen. In der lateinischen Übersetzung im 12. Jahrhundert wurde daraus "Almagesti" oder "Almagestum" und schließlich "Almagest". Auf diese Wanderungsbewegung antiken Wissens werde ich an späterer Stelle noch ausführlicher eingehen.

Der Almagest umfaßt dreizehn Bücher astronomischen Inhalts, wobei Ptolemäus sich insbesondere auf die Erkenntnisse des Hipparch stützt. Es sind Versuche, Planetenbahnen, Planetenentfernungen, die Bewegungen des Mondes und der Sonne, die Winkelbeziehungen, die Ekliptik 11, Präzession, Sternparallaxe und geozentrische Parallaxe 12 zu berechnen. In seinem "Tetrabiblos" (Vierbuch), faßte Ptolemäus das gesamte astrologische Wissen seiner Zeit in komprimierter Form zusammen. Die ersten beiden Bücher befassen sich mit der Vorstellung der Grundelemente - Planeten, Fixsterne, Tierkreiszeichen, Häuser, Elemente, Qualitäten - und der Mundanastrologie, die letzten beiden mit der Genethlialogie. "Das Werk kann als Beleg dafür angesehen werden, daß sich bereits in der Spätantike die Astrologie von der Ereignisvoraussage zur Charakterdeutungskunst entwickelt hatte, denn in den letzten beiden Büchern seines Tetrabiblos beschreibt der alexandrinische Gelehrte detailliert alle wichtigen Regeln zur Ausdeutung des Geburtshoroskops, um die wichtigsten Lebensfragen - Eltern und Herkunft, Geschwister, Vermögensverhältnisse, Partnerschaften, Stellung in der Welt, Krankheiten, Lebensdauer, Todesart - für jeden einzelnen zu beantworten" 13. Das Tetrabiblos sollte für 1.500 Jahre zur ‚Bibel' der Astrologen werden.

Ohne es zu wollen, hatte Aristoteles, der die Astrologie ablehnte, die philosophische Grundlage für sie gegeben, denn: "Die Gottheit als Erster Beweger gibt den Anstoß auf das Erste Bewegliche (der Sternenhimmel) und von da weiter auf die Planeten. Aus der unveränderlichen Region der Sterne kommen daher alle Kräfte und Wirkungen, sie erzeugen durch ihre Bewegung das Warme und Kalte, Trockene und Feuchte und durch diese vier Urqualitäten bewirken sie alles Werden und Vergehen in der vergänglichen Welt unter dem Monde" 14.

Die hellenistische Astrologie kannte bereits alle wesentlichen Elemente des Horoskops: die sieben Planeten, den tropischen (vom Frühlingspunkt ausgehenden) und den siderischen (vom Fixsternhimmel abgenommenen) Tierkreis, die zwölf Häuser, die Stellung der Sterne zueinander nebst der Deutung der Aspekte. Seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. gab es Ephemeriden und Aufsteigungstafeln, also Aufzeichnungen, anhand derer man den Stand der Gestirne für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort ermitteln konnte, was bedeutete, daß es nicht mehr notwendig war, den Himmel selbst zu beobachten.

Philipp von Opus, ein Schüler Platons, ordnete erstmals den griechischen Göttern die sieben Planeten zu, die gemäß ihrer Umlaufgeschwindigkeit schon bei Hipparch folgende Anordnung gefunden hatten: Als erster Planet - da der Erde am nächsten - stand der Mond, dem seiner wechselnden Erscheinung gemäß die weiblichen Gottheiten Selene, Artemis, Hera, Persephone und Hekate zugeordnet wurden. Darauf folgte Merkur, der Stern des Hermes. Als dritter Planet kam die Venus, der Stern der Aphrodite. Dann folgte die Sonne, die die drei unteren von den drei oberen Sternen trennte, und Helios sowie Apollo zugeordnet war.

 

Mars, der Stern des Ares, setzte die Reihenfolge fort, gefolgt von Jupiter, dem Stern des Zeus. Und als äußerster und letzter Planet stand Saturn, der Stern des Kronos. Während die Planeten zunächst nur die Sitze der Götter waren, wurden sie im folgenden selbst zu Gottheiten. Die Römer gaben diesen dann ihre eigenen Götternamen.

Der Tierkreis mit seinen zwölf Tierkreiszeichen wurde schon bei den Griechen in vier kardinale Zeichen (Widder, Krebs, Waage, Steinbock), vier fixe (Stier, Löwe, Skorpion, Wassermann) und vier veränderliche (Zwillinge, Jungfrau, Schütze, Fische) unterteilt. Diese Einteilung orientierte sich am Jahreszeitenlauf, wobei die kardinalen Zeichen eine neue Jahreszeit einläuteten, die sich in den fixen Zeichen manifestierte und in den veränderlichen Zeichen in die nachfolgende überging.

 

 

1.2 Die arabische Tradition

 

Die gelehrte arabische Astrologie umfaßt den Zeitraum von 750 bis 1550 und meint Astrologen, die unter muslimischer Herrschaft lebten oder in arabischer Sprache ihre Werke veröffentlichten 15.

Der Glaube an die Vorherbestimmung des Schicksals stützte auch hier den Sternenfatalismus. Zwar versuchte der Islam den altarabischen Gestirnkult abzulösen, aber die Sterndeutung war im Koran nicht ausdrücklich verboten. Und so konnte man die Sterne als Anzeiger des göttlichen Willens betrachten, soweit man keinen Sternenzwang formulierte. Der muslimische Theologe Al Sachawi erklärt zum Verhältnis von Astrologie und Religion um 1520 folgendes: "Notwendig ist das Studium der Sternkunde wegen der Kenntnis der Zeiten für den Gottesdienst. Anempfohlen wegen der Beweise für das Vorhandensein, für die Allmacht und Allwissenheit Gottes; erlaubt wegen des Einflusses der Gestirne auf Grund ihres Laufes, nicht aber auf Grund ihrer Natur: gemißbilligt wird der Glaube an den Einfluß der Gestirne wegen ihrer Natur; verboten der Glaube an die unabhängige Wirkung der Gestirne und ihre Anbetung" 16. Als zeichendeutende und nicht fatalistische war die Astrologie erlaubt und wurde am Hofe der Kalifen auch gepflegt.

Die arabische Astrologie gründet sich auf die Kosmologie des Aristoteles, nach der alles Werden und Vergehen von der Bewegung der Gestirne abhängt. Sie versucht die Rhythmen im Ablauf des menschlichen Lebens wie auch auf mundaner Ebene des Weltenlaufes zu erfassen. Die wesentlichen Elemente der arabischen Horoskoptechnik entstammen der hellenistischen Astrologie. Die Araber ergänzten dieses Wissen. Die wesentlichen Leistungen sind die Berechnung aller Häuser (Ptolemäus hatte nur die Berechnung der vier Eckhäuser gelehrt), die Berechnung der Ereigniszeiten über Direktionsbögen 17 und die Anfertigung ausgefeilter Astrolabien, die ihnen die Möglichkeiten boten, Häuserspitzen und Direktionsstellen direkt abzulesen.

Wichtig zu erwähnen ist auch die Verknüpfung von Astrologie und jüdischer Geheimlehre, der Kabbala, die als Zahlenmystik die wesensmäßige Bedeutung von Namen und Dingen zu erfassen versucht. Mit Hilfe der kabbalistischen Astrologie wurde aus dem Namen des Geborenen und der zur Zeit herrschenden Stunden, Monats- und Jahresregenten ein kabbalistisches Horoskop gestellt, das den Gestirnstand nicht mit einbezog.

Vor allem bedeutsam war die astrologische Lehre der Sasaniden und Zoroastrier vom Einfluß der großen Konjunktionen auf Entstehen und Vergehen von Weltreichen und Weltreligionen 18. Unter einer großen Konjunktion versteht man das Zusammentreffen der Planeten Jupiter und Saturn im gleichen Längengrad 19. Die Lehre von den Konjunktionen unterscheidet drei Zyklen:

1. Zwei Konjunktionen in einem Intervall von 20 Jahren deuten auf Aufstand und Machtwechsel hin.

2. In einer Periode von 240 Jahren, in denen die Konjunktion im Zeichen eines anderen Elements stattfindet, zeigt große politische Umwälzungen wie z. B. Revolutionen an.

3. In einem Intervall von 960 Jahren kehrt die Konjunktion zu ihrem Ausgangspunkt zurück und zeigt so eine Welterneuerung wie auch eine neue Weltreligion an.

Die wichtigsten Vertreter dieser astrologisch untermauerten Geschichtsauffassung waren Abû Ma´šar und Mascha`allah. In der lateinischen Übersetzung durch Juan de Sevilla gelangte das Werk des Abû Ma´šar unter der Bezeichnung "De magnis coniunctionibus et annorum revolutionibus" ins Abendland, wo es noch weitreichend wirken sollte 20.

"In der zyklischen Geschichtsauffassung der Araber fand die antike, auf den Prinzipien der Naturreligion basierende Lehre von der ewigen kreislaufmäßigen Wiederkehr allen Geschehens ihren Niederschlag. Sie befand sich in scharfem Gegensatz zu der dynamischen, endzeitlich ausgerichteten Geschichtsbetrachtung des Judentums und Christentums, die von der Welterschaffung und dem Sündenfall Adams ausging und danach die Epochen der Menschheitsgeschichte bis zum Auftreten des Antichrist, dem Anbrechen der Endzeit und dem Jüngsten Gericht als einmalig stattfindendes, auf ein heilsgeschichtliches Ziel hinauslaufendes Geschehen beschrieb" 21. So wurden die großen Konjunktionen im Abendland dann auch häufig mit der Endzeiterwartung verknüpft.

Die große Konjunktion begegnet uns zur Geburt Christi und, wie wir sehen werden, auch im Parzival.

 

 

 

 

2. Astrologie und Christentum

 

Es erstaunt zunächst einmal, daß Wolfram das Geschehen um den heiligen Gral und sternenkundliche Aussagen so harmonisch nebeneinander stehen läßt, und wirft die Frage auf, inwieweit Astrologie und christlicher Glaube überhaupt vereinbar waren. Wie reagierte die Kirche auf das astrologische Wissen, das durch die spanisch-arabische Kultur in Europa Eingang fand? Ablehnend, adaptierend, in kritischer Auseinandersetzung? Und gibt es vielleicht Unterschiede im zeitlichen Verlauf zwischen frühem und hohem Mittelalter, also zur Zeit Wolframs? Diesen Fragen wird in den beiden nachfolgenden Kapiteln nachgegangen.

 

 

2.1 Frühes Christentum

 

Die drei Weisen 22 gingen zu König Herodes in Jerusalem und sprachen: "Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben einen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten." Herodes befragt zuerst die Hohepriester und die Schriftgelehrten, die die Weissagung eines kommenden Fürsten bestätigen. Dann ruft er heimlich die Weisen zu sich, um zu erkunden, wann genau der Stern erschienen sei, und schickt sie nach Bethlehem. "Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war" 23.

Bei dem Stern von Bethlehem handelte es sich um eine Konjunktion von Jupiter und Saturn in den Fischen 24. Eine Sternenbeobachtung am Firmament nebst ihrer Deutung leitet also das Leben von Jesus und das erste Kapitel des Neuen Testaments ein. Die Deutung, ein neuer König der Juden sei geboren, verbunden mit dem Heilandsgedanken, verwundert nicht, wenn man bedenkt, daß Jupiter bei den Babyloniern analog für den König stand, Saturn dem Volk der Juden zugeordnet wurde und dem Tierkreiszeichen Fische das Motiv der Erlösung und des All-eins-Seins innewohnt 25. Daß die Beschreibung dieser Himmelsbeobachtung im Matthäusevangelium nicht eingehender ausfällt, ist nach Reichel darauf zurückzuführen, daß der Übersetzer über keine astronomischen Kenntnisse verfügte 26.

Das Christentum als Kirche bildete sich im Verborgenen oftmals in einem Klima der Angst, der Bedrohung und Verfolgung. Die frühen Christen waren stets umgeben von heidnischen Kulten, die öffentlich praktiziert wurden, und somit von diesen Traditionen nicht unbeeinflußt. Helios, der Sonnengott des spätantiken Sonnenkultes wurde durch Christus ersetzt. Nicht zufällig ist der Sonntag, der "dies solis", der Tag, an dem die Christen Gottesdienst halten. Auch die Bezeichnung der Wochentage nach den sieben Planetengöttern und somit die Sieben-Tage-Woche wird vom Christentum übernommen 27. Die wichtigsten christlichen Feste, also das Geburtsfest Weihnachten und das Todes- und Auferstehungsfest Ostern sind auf die Sonne bezogen. "Die Festsetzung des Weihnachtsfestes stand im Zusammenhang mit dem heidnischen Solstitium (Sonnenwende), das am 25. Dezember als Natalis Invicti gefeiert wurde. Die Einsetzung des Festes erfolgte Ende des 3. Jahrhunderts fast gleichzeitig mit der Epiphanie. Das Geburtsfest des 25. Dezember wurde in ein christliches Sonnenfest umgedeutet und bildete die Antwort der Kirche auf den Sonnenkult der ausgehenden Antike; gleichzeitig bedeutete es den Sieg über alle Mysterien. Christus wurde mit der aufsteigenden Sonne gleichgesetzt" 28. Wie die aufsteigende Sonne Hoffnung und neues Leben in der Natur verspricht, verspricht Jesus' Geburt den Menschen Hoffnung und Leben. Auch die Auferstehung findet an dem der Sonne zugeordneten Sonntag statt. "Das Johannes-Evangelium nennt als Todesdatum Jesu den 14. Nisan 30 oder 33, d. h. den Freitag, an dem die Juden das Osterlamm aßen. Der Nisan der Juden ist der erste Frühlingsmonat, dessen Beginn auf den Tag nach dem ersten Aufleuchten der Mondsichel festgelegt wurde. Dabei diente der erste Neumond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche als Ausgangspunkt. In hellenistische Zeitrechnung umgesetzt bedeutet das, daß Jesus an einem Venustag starb, an einem Saturntag im Grabe lag und am Heliostag in der Mitte jenes Monats auferstand, dessen Beginn immer in den Martius (März) fiel" 29. Wenn man bedenkt, daß Venus für die Liebe steht, und Jesus nach christlicher Lehre aus Liebe zu den Menschen starb, und die Liebe zudem seine wichtigste Botschaft war, daß Saturn als Zeitenherrscher auch für den Tod steht, und die Sonne das zentrale und lebenspendende Gestirn ist, erkennt man die Bedeutungsfülle dieser ‚Terminwahl'.

Es wird deutlich, daß das von Astrologie und Mysterienkult umgebene Christentum Elemente daraus in sich aufnahm und umdeutete. Immer wieder gab es ein Nebeneinander von Christentum und Astrologie, was kein Widerspruch sein mußte. Ute Reichel verweist in diesem Zusammenhang auf den getauften römischen Senator Julius Firmicus Maternus, der in seinem zwischen 337 und 340 verfaßten Astrologiekompendium, der "Mathesis", die astrologischen Lehren in eine christliche Sichtweise einbindet. Gott als Schöpfer aller Dinge und also auch der Sterne hat den Menschen als Mikrokosmos aus den vier Elementen erschaffen. Gott macht durch die Sterne seinen Einfluß auf die Erde geltend. Da aber der unsterblichen Seele des Menschen Göttlichkeit innewohnt, ist sie auch imstande, dem Ratschluß der Sterne zu widerstehen. Also kein Sternenzwang sondern freier Wille. Die "Mathesis" wurde während des gesamten Mittelalters und in der Renaissance als bedeutendes Nachschlagewerk benutzt.

An sich wurde die Möglichkeit, aufgrund von Sternenkonstellationen richtige Voraussagen zu treffen, auch zur Zeit der Kirchenväter nicht angezweifelt. Die Polemik richtete sich gegen die Auffassung, diese Voraussagen als unabänderliches Sternenfatum anzusehen, "welches den einzelnen seiner Eigenverantwortung enthob und alles sittliche Bemühen, das einen Kernpunkt der christlichen Religion bildete, zur Bedeutungslosigkeit verurteilte" 30. Bei den Kirchenvätern setzte sich somit eine anti-astrologische Haltung durch. Dabei erzählt Augustinus in seinen "Confessiones", daß er sich in seiner Jugend sehr wohl der Astrologie befleißigte und auch selbst Horoskope stellen konnte. Nach seiner Hinwendung zum Christentum argumentiert er allerdings gegen die Astrologie. Auch Origenes wendet sich gegen die Astrologie. Dies kommt in seiner Schrift gegen Kelsos (Celsus) zum Ausdruck. Dieser griechische Philosoph beklagte, daß man zwar Himmel und Engel verehre, "aber Fixsterne und Planeten vernachlässige, den heiligsten und mächtigsten Teil des Himmels, die deutlich jedem sein Geschick weissagen" 31. Für Kelsos sind die Sterne die "herrlichsten und hervorragendsten Herolde der Oberwelt, wahrhaft himmlische Boten, Wesen, die allen Menschen klare und gewisse Prophezeiungen geben", unter deren Verwaltung die gesamten Naturerscheinungen stehen, "Wesen, denen die Menschen die Kenntnis und Erkenntnis Gottes verdanken" 32.

Gegen die Astrologie sprach im Sinne der Kirchenväter, daß dem Menschen der freie Wille gegeben sei und somit auch die Verantwortung für sein Handeln. Der Mensch könne sein Fehlverhalten nicht damit entschuldigen, daß er unter dem Zwang der Sterne einem vorgegebenen Sternenfatum folge und somit nicht verantwortlich sei. Der Sternenlauf könne zum einen nicht höher stehen als die Allmacht Gottes, zum anderen könne Gott, der über den Sternen steht, nicht für eine schlechte Sternenkonstellation "verantwortlich" gemacht werden. Wo bliebe bei einem Sternenzwang die Möglichkeit göttlicher Gnade und göttlichen Eingreifens als Antwort beispielsweise auf ein Gebet?

Obwohl das Christentum astrologische Elemente in sich aufgenommen hatte, ging die Kirche, nachdem sich das Christentum als Staatsreligion etabliert hatte, scharf gegen die Astrologie vor. Auf mehreren Konzilien 33 wurde den Geistlichen verboten, sich mit der Astrologie zu beschäftigen. Dazu fanden auch Bücherverbrennungen statt. Astrologen, die sich nicht zum Christentum bekannten, wurden des Landes verwiesen. 529 schloß Kaiser Justinian die Schule von Athen, an der neben der Astrologie auch neuplatonische Philosophie gelehrt worden war.

In dem über 300 Jahre währenden Kampf zwischen Heidentum und Christentum, der die antike Kultur erschütterte, war die Astrologie auf beiden Seiten präsent. Im Heidentum gab es astrologische Religionen wie den Manichäismus und den Mithraskult, auf christlicher Seite die Gnosis, die Befreiung vom Schicksalszwang der Sterne versprach.

Ende des 3. Jahrhunderts waren Christentum, Heidentum und Astrologie fast untrennbar miteinander verbunden. Erst durch Augustinus, durch die Einflußnahme der Bischöfe und der Verbote der Kaiser Theodosius und Justinian, die die Ausübung der Astrologie mit dem Tode bestraften, kam die antike Astrologie vorübergehend zum Erlöschen.

 

 

2.2 Rezeption der Astrologie im frühen Mittelalter

 

Im frühen Mittelalter wird die Astrologie weiterhin unterdrückt. Das liegt schon einmal wesentlich darin begründet, daß die Aufbewahrung, Tradierung und Verschriftlichung von Wissen den Klöstern vorbehalten war. Aus dem Fundus des antiken Wissens wurde nur das übernommen, was sich mit den kirchlichen Glaubenssätzen und den biblischen Überlieferungen vereinbaren ließ. Da die Astrologie von der Kirche offiziell verdammt worden war, "überlebten" astrologische Schriften nur sehr eingeschränkt. In den durch Karl den Großen geförderten Klosterschulen wurde einzig die Astronomie im Rahmen des Quadriviums 34 weiterhin betrieben, da sie zur Erstellung von Kalendern und Kartographien wie auch zur Berechnung kirchlicher Feste wie z. B. des Osterfestes (erster Neumond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche) notwendig war 35.

Nur zwei wichtige astrologische Schriften kursierten in Gelehrtenkreisen: die schon genannte "Mathesis" des Firmicus Maternus und die "Commentarii in Somnium Scipionis" von Macrobius. Die "Mathesis" war ein astrologisches Nachschlagewerk mit praktischen Angaben zur Deutung von Konstellationen und Geburtshoroskopen. Die "Commentarii" ein kosmologisches und philosophisches Werk neuplatonischer Lehre.

Insgesamt war die Auseinandersetzung mit astrologischen Texten in Gelehrtenkreisen auch deshalb nur eingeschränkt möglich, weil die griechische Sprache oftmals nicht mehr erlernt wurde und somit die Schriften hellenistischer Herkunft nicht herangezogen werden konnten.

 

 

2.3 Rezeption der Astrologie im Hochmittelalter

 

Der arabisch-griechische Einfluß hielt über Spanien Einzug in das 962 unter Otto I. gegründete Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Die nach dem Zusammenbruch des Karolingerreichs nun wieder geordneten Verhältnisse in Kirche und Staat ließen auch in den Klöstern das Geistesleben erblühen. Durch die arabischen und griechischen Übersetzungen findet im Abendland des 12. und 13. Jahrhunderts ein geistiger Aufschwung statt. Zunehmend sind es nicht mehr die Klöster allein, die das Wissen sammeln und tradieren; die Universitäten werden zu den neuen Bildungsstätten der Zeit, in denen vermittels Diskussion das Wissen selbständige Verarbeitung findet. In der Hochscholastik, die etwa um 1250 beginnt, hat nun auch die Philosophie einen gleichberechtigten Platz neben der Theologie, wenn die theologischen Grundsätze auch weiterhin vorherrschend bleiben. Bis dahin war es nicht möglich gewesen, induktiv zu forschen, sondern die Welt wurde deduktiv aus den theologischen Glaubenssätzen heraus begriffen. Nun aber werden die philosophischen Schriften eigenständig auf ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft allerdings unter der Maßgabe, sie mit der Theologie zu vereinen.

Die wichtigsten Vertreter dieser Epoche sind Albertus Magnus (um 1206-1280), Thomas von Aquin (1225-1274) und Roger Bacon (um 1215-1292).

Für Albertus Magnus, der dem Dominikaner-Orden angehörte, sind die Sterne Teile eines Ganzen und die Werkzeuge des ersten Bewegers. Da die vier Elemente durch die Bewegung der Himmelskörper entstehen, werden auch alle Veränderungen der irdischen Welt durch die superioren Himmelskörper verursacht, allerdings nur insoweit sie sich auf die generellen und universellen Einflüsse beziehen, also auf den Erdkörper, auf Kriege, Katastrophen, Seuchen, nicht aber auf das Individuelle, da das Handeln des Menschen zweifachen Ursprungs ist: Natur und freier Wille. Und da es demnach kein feststehendes Sternenfatum gebe, sei die Astrologie auch mit dem Christentum vereinbar. Mehr noch, die edle Kunst der Astrologie, die alle irdischen Dinge auf den Urquell zurückführe, führe so auch die Gedanken der Menschen zu Gott 36.

Der ebenfalls dem Dominikaner-Orden angehörende Thomas von Aquin, lehrte in Paris, Köln, Bologna 37, Rom und Neapel. Er behandelt in seinem Werk "Summa theologiae" die Frage, ob die Wahrsagung aus den Sternen erlaubt sei. Als erlaubt erachtet er, aus der Beobachtung der Bewegung der himmlischen Körper auf die Wirkung bezüglich der irdischen Dinge zu schließen, denn von Ursachen auf Wirkungen zu schließen ist ein vernünftiger Akt. So ist es sogar sehr verdienstvoll, künftige natürliche Dinge vorhersagen zu können wie Finsternisse, Seuchen oder Katastrophen. Da die Sterne körperlicher Natur sind, können sie auch nur auf körperliche Dinge einwirken, wie auf den Körper und die Organe des Menschen. Vernunft und freier Wille hingegen sind nicht körperlicher Natur, und so können die Gestirneinflüsse nur indirekt, dispositiv einwirken. Die Entscheidung aber unterliegt dem freien Willen und ist frei vom Sternenzwang. Er kommt zu dem Schluß, daß die Geburtshoroskopie, die sich ja auf das ganze Leben und Schicksal eines Menschen bezieht, nicht nur unerlaubt und abergläubisch, sondern mehr noch ein Blendwerk des Teufels sei 38. Damit liegt er ganz auf der kirchlich-dogmatischen Linie.

Eine andere Auffassung vertraten die sogenannten "Averroisten", ein Gelehrtenkreis an der Pariser Universität, die sich auf Averroes 39 (Ibn Ruschd, 1126-1198) bezogen und durch Siger von Brabant und Boethius von Dacien hauptsächlich vertreten wurden. Die Averroisten lehrten, daß die göttliche Vorsehung jeden Zufall ausschließe, daß die Intelligenz, die die Himmelskörper bewege, auch die Seele der Menschen beeinflusse, und daß sowohl der Körper als auch der Verstand und der Wille durch die Sterne gelenkt werde und das determinierte Schicksal von den Sternen abzulesen sei. Die Kirche brandmarkte die Averroisten vor allem deshalb als ketzerisch, weil sie die Unsterblichkeit der Seele verneinten, da die individuell erworbene Intelligenz an den Menschen gebunden ebenfalls sterblich sein muß.

Roger Bacon gehörte den Franziskanern an. Er lernte Hebräisch, Griechisch und Arabisch, um die Schriften auch im Original und nicht nur in der Übersetzung lesen zu können. In der Wissenschaft müsse es um eigenes Nachdenken und eigene Erkenntnis gehen, jenseits von kirchlicher Autorität und Meinung. Bacon kommt zu dem Schluß, daß kein gelehrter Astrologe jemals den Schicksalszwang gelehrt habe. Da die Sterne nur Macht über den Körper, nicht aber über die Seele hätten, und die Sterne zudem nur anzeigten, aber nicht bewirkten, könne das Individuum kraft seines Willens dem Einfluß der Sterne widerstehen. Bei der Masse sei dies jedoch nicht der Fall, daher die vielen Kriege und Massenepidemien. So gebe es auch keine einmalig gültige kosmische Prägung. Bacon verteidigte die Astrologie als experimentelle Naturwissenschaft 40.

Bei Hildegard von Bingen (1098-1173), die sich auf die Schriften Gerberts von Aurillac und Bernard Silvestris stützte, bildet die Verbundenheit von Makro- und Mikrokosmos die Grundlage ihrer naturmystischen Schriften. Die schicksaldeutende Horoskopie lehnte sie als heidnischen Unsinn ab, förderte aber die "natürliche", naturwissenschaftliche Astrologie 41.

 

Im christlichen Mittelalter versuchten die großen Scholastiker wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin natürliche und übernatürliche Erscheinungen zu verbinden. Die Astrologie als Erfahrungswissenschaft in Verbindung mit der mathematisch exakten Astronomie fand hier durchaus ihren Platz. Die Sterne sind nun Werkzeuge Gottes, die einerseits den Willen Gottes anzeigen können, andererseits auf alle Naturdinge, also auch auf den Körper und seine stofflich gebundenen Seelenkräfte, einwirken können mit Ausnahme der unsterblichen Seele. Der Mensch kann aufgrund seines freien Willens die "Inklination" der Sterne bejahen oder verneinen. Und der Weise beherrscht die Sterne.

Die Astrologen jener Zeit wirkten an den Fürstenhöfen König Alfons X. von Kastilien, Friedrich II. in Palermo und König Karl V. in Frankreich. Sie lehrten an den bedeutenden Universitäten Europas oder standen wie der schottische Astrologe und Theologe Michael Scotus in hoher Gunst bei den Päpsten Honorius III. sowie Gregor IX. Es gab eine Reihe von Päpsten, die der Astrologie zugetan waren. So war der schon genannte Papst Sylvester II. (999-1003) selbst ein angesehener Astrologe. Papst Alexander V. beauftragt um 1250 einen seiner astrologiekundigen Kardinäle mit der Anfertigung von Prognostiken. Peter d'Ailly, ein französischer Kardinal, legte die Offenbarung des Johannes nach astrologischen Grundsätzen aus und sagte die hundert Jahre später erfolgende Kirchenspaltung wie auch die französische Revolution voraus. Ein weiterer Förderer der Astrologie war Papst Johann XXII. Und Papst Leo X. gründete 1520 einen Lehrstuhl für Astrologie an der Sapientia, der päpstlichen Universität in Rom. Papst Hadrian VI. (1522/23) war zuvor Lehrer der Mathematik und der Astrologie gewesen. Papst Paul III. befaßte sich eingehend mit der Astrologie und machte Lukas Gaurikus, einen angesehenen Astrologen, 1545 zum Bischof. Papst Pius IV. ließ sich astrologisch beraten 42.

Daß dennnoch eine "Rivalität" zwischen Christentum und Sternenglaube von den Anfängen des Christentums bis zum Ende des Mittelalters bestanden hat, ist nicht bestreitbar. Dies wird nicht zuletzt in bildlichen Darstellungen sichtbar, die den (scheinbaren) Sieg des Christentums über die Sternenmächte zum Inhalt haben 43.

In Deutschland wurde in den mittelalterlichen Klosterschulen eine bescheidene lateinische Astrologie gelehrt. Erst durch die Kreuzzüge und durch ritterliche Wanderfahrten wurden allmählich auch die arabisch-griechischen Werke über Astrologie und Naturphilosophie in Deutschland bekannt. Das älteste deutsche Horoskop ist für den Herzog Friedrich von Schwaben, den zweiten Sohn Kaiser Friedrich I. Barbarossa, berechnet, der am 16. Juli 1164 zur dritten Tagesstunde in Pavia geboren wurde. Es enthält zwar die zwölf Tierkreiszeichen, die Planeten und die Mondknotenachse (Drachenkopf), aber die Eintragung des so wichtigen Aszendenten und somit die Häuserverteilung wie auch die Ausdeutung fehlen 44. Daß die individuellen Geburtshoroskope auch im Hochmittelalter noch wenig verbreitet sind, mag auch daran liegen, daß das Bewußtsein von Individualität noch nicht entwickelt war, und der Blick mehr auf das jenseitige Leben gerichtet wurde als auf diese Welt. Später, in der Renaissance, nimmt die Anfertigung von Geburtshoroskopen deutlich zu.

Vereinzelt finden sich auch astrologisch-astronomische Hinweise in deutscher Sprache: so im "Elucidarius" des Mönches Honorius von Autum, der 1150 in Regensburg wirkte, im Lehrgedicht "Der welsche Gast" von Thomas von Zirclaria (1215) und in den "Deutschen Predigten" des Berthold von Regensburg 45.

In den bildlichen Darstellungen des Mittelalters nimmt Christus den Platz der Sonne ein oder wird als kosmischer Mensch abgebildet 46. Auch die Zwölfzahl der Jünger korrespondiert mit den zwölf Tierkreiszeichen, denen sie als Stundenheilige zugeordnet wurden 47.

Auch in der Kunst gibt es zahlreiche Abbildungen, die sich auf die Astrologie beziehen. Wenn es auch erst nach Wolframs Zeit entstanden ist, möchte ich hier doch ein besonderes Gemälde exemplarisch vorstellen, nämlich das "Abendmahl" Leonardo da Vincis (1452-1519) 48. Da Vinci war sowohl die Astrologie als auch die Lehre vom Makro- und Mikrokosmos vertraut. In den zwölf Aposteln werden die zwölf Tierkreiszeichen abgebildet. Angeordnet werden die zwölf in vier Dreiergruppen, was den vier Trigonen und den vier Elementen (Feuer, Wasser, Erde, Luft) entspricht wie auch den vier Temperamenten (cholerisch, melancholisch, phlegmatisch, sanguinisch) und den vier Jahreszeiten. Die zwölf Apostel gelten als Repräsentanten der zwölf Menschentypen, die in den Tierkreiszeichen Ausdruck erhalten. Leonardo erläutert sein Gemälde selbst so: "Also hier in zwölf ganzen Figuren, wird dir die Kosmographie der kleinen Welt (Mikrokosmos) vorgeführt, nach derselben Ordnung, die vor mir Ptolemäus in seiner Kosmographie verwendet hat. Und so werde ich dann jene in Glieder teilen, so wie er das (Erd-)Ganze in Provinzen teilte. Dann werde ich die Verrichtung aller Teile in jeder Hinsicht zeigen, indem ich dir die Aufnotierung der ganzen Gestalt und das Vermögen des Menschen in bezug auf Ortsbewegung vermittels seiner Teile vor Augen stelle. Und so gefalle es unserem Schöpfer, daß ich die Natur der Menschen in der Art darzustellen vermöge, wie ich ihre Figur beschreibe" 49. Von rechts nach links gelesen, ergibt sich folgende Anordnung: Simon (Widder), Thaddäus (Stier), Matthäus (Zwillinge); Philippus (Krebs), Jakobus d. Ältere (Löwe), Thomas (Jungfrau); Johannes (Waage), Judas (Skorpion), Petrus (Schütze); Andreas (Steinbock), Jakobus d. Jüngere (Wassermann), Bartholomäus (Fische) 50. Zwischen Jungfrau und Waage sitzt Christus, auf den alle Perspektivlinien im Gemälde hinführen. Auch diese Anordnung ist sinnfällig, denn wenn wir dem Tagesbogen der Sonne folgen, sind wir in dieser Anordnung am Abend angekommen, wo die Sonne sich verabschiedet und in der Nacht versinkt. Dieses Bildnis stellt eine wunderbare Verknüpfung von christlicher Darstellung und Astrologie dar.

Zusammenfassend kann man sagen, daß sich christlicher Glaube und Astrologie nicht als unvereinbar darstellten. Während bei den Kirchenvätern und im Frühmittelalter die Astrologie mit einem Sternenfatalismus gleichgesetzt wurde, was zu einer Ablehnung der Astrologie als Ganzes führte, kommt es im Hochmittelalter im Zeichen der Scholastik zu einer differenzierten Auseinandersetzung. Aus den Übersetzungen aus dem Griechischen und Arabischen erhält das lateinische Abendland des 12. und 13. Jahrhunderts Zugang zum umfassenden astronomisch-astrologischen Wissen der Antike. Den Scholastikern gelang es, eine Synthese zwischen Astrologie und Theologie zu bilden, indem sie den Sternenzwang ablehnen, aber die Sterne zu Zeichen und Verkündern des göttlichen Willens erklären 51.

Die Menschen des späteren Mittelalters waren einerseits noch geprägt von Glaubensvorstellungen und Okkultismus, hegten aber andererseits den Wunsch, die Welt und die Naturgesetze mit naturwissenschaftlichen Mitteln rational zu erschließen. Da die Astrologie noch nicht von der Astronomie abgeschnitten war, sondern beide zusammen eine Wissenschaft bildeten, lag der Astrologie eine mathematische, naturwissenschaftliche Basis zugrunde, die ihr zur Anerkennung als Wissenschaft verhalf. Wie bei der statistischen Auswertung der übersetzten Bücher im folgenden Kapitel deutlich werden wird, waren Mathematik und Astronomie/ Astrologie die führenden Wissenschaften der Zeit. Da das universelle Naturgesetz des Mittelalters besagte, daß alle Naturerscheinungen auf Erden von den Bewegungen der Himmelskörper herrühren, waren die astronomisch-astrologischen Forschungen von besonderer Bedeutung, weil sie die Naturgesetze für die Menschen begreifbar machen sollten.

 

3.   Interkulturelle Wissensvermittlung und mittelalterliche Denkbilder

 

3.1 Die spanisch-arabische Kultur

 

Aus der Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Araber sollte eine interkulturelle Befruchtung hervorgehen, die mit dem Kalifat von Cordoba (929-1031) für die Dauer von 300 Jahren begann. Die Epoche des Kalifats war gekennzeichnet durch große politische und religiöse Toleranz. Gelehrte Muslime, Christen und Juden arbeiteten eng zusammen; die Palastbibliothek von Cordoba war mit angegebenen 400.000 Bänden überaus bedeutsam.

 Aus der Sonnenfinsternis von 1004, dem Erscheinen eines Kometen im Jahre 1006 und der darauf folgenden Konjunktion von Jupiter und Saturn im Zeichen Jungfrau deuten die Astrologen von Cordoba auf einen Bürgerkrieg und kündigten das Ende des Kalifats an, was dann auch tatsächlich geschah und dazu führte, daß sich die Gelehrten andernorts niederließen. So wurde Sevilla um die Mitte des 11. Jahrhunderts das Zentrum der Dichter und Toledo nach seiner Eroberung durch die Sarazenen im Jahre 1085 das der Naturwissenschaftler.

Die Bücher kamen aus Byzanz, Bagdad, Ankara, Ägypten. Sie wurden gekauft, gegen Geschenke oder Kriegsgefangene eingetauscht, auf Eroberungszügen geraubt, als Teil von Reparationsleistungen gefordert. Mäzene entsandten Expeditionen mit dem Auftrag, nach bestimmten Büchern in der Welt zu suchen.

Die Übersetzungen waren in der Regel Auftragsarbeiten und fanden oftmals innerhalb einer Familie oder auch über mehrere Generationen verteilt statt. Die wissenschaftlichen Werke entstammten dem Sankrit, dem Pahlawi, dem Syrischen, Griechischen und dem Lateinischen und wurden ins Arabische übertragen. Um Übersetzungsfehler möglichst gering zu halten, gab es mehrere Systeme und Herangehensweisen. Oft versuchte man, möglichst viele Texte ein und desselben Autors zu bekommen, um sich mit seinem Sprachstil vertraut zu machen, und so wurde eine Übersetzung immer wieder und oft über Jahre überarbeitet, bis das bestmögliche Ergebnis erzielt war. Bewährt hat sich das System, Original und Übersetzung auf zwei gegenüberliegenden Seiten anzufertigen und für einzelne Begriffe mehrere Synonyme anzugeben, um unterschiedliche Wortbedeutungen zu erhalten. Es wurde aber auch interlinear gearbeitet, d. h. eine Zeile Originaltext und in der nachfolgenden Zeile die Übersetzung. Auch gibt es Übersetzungen, die griechisch-lateinisch wie auch arabisch-lateinisch angefertigt wurden, was die wissenschaftliche, d. h. kritische Textanalyse unterstützte 52. So gelangte das antike Erbe in die spanisch-arabische Welt 53. Die lateinischen Übersetzer des Mittelalters profitierten nun ihrerseits vom Erbe der Araber 54. Eine Untersuchung über den prozentualen Anteil der übersetzten Wissensgebiete ergibt folgende Verteilung: mit 47% liegen die exakten Wissenschaften Mathematik, Astronomie und Astrologie an erster Stelle, gefolgt von der Philosophie mit 21% und der Medizin mit 20%. Dagegen nehmen Religion und Physik sowie Geomantik und Alchemie nur je 4% ein 55.

Eines der ältesten Werke, das über Spanien ins lateinische Abendland gelangte, war das "Mathematika Alhandrei" von einem arabischen Astrologen namens Al Calander, der Astrologie mit Buchstaben- und Zahlenmystik verband. Diese auf Buchstaben- und Zahlenmystik beruhende kabbalistische Astrologie, die besonders von jüdischen Gelehrten vertreten wurde, stand im Gegensatz zu einer naturwissenschaftlichen, auf Aristoteles gegründeten Astrologie, oder einen platonisierenden kosmischen Symbolismus.

Eine wichtige zu nennende Persönlichkeit ist der Mönch Gerbert von Aurillac (945-1003), der spätere Papst Sylvester II. In Spanien studierend, erlernte er die arabische Sprache, schrieb über das arabische Astrolabium 56 und vermittelte die griechisch-arabische Sterndeutungskunst und Mathematik. Die Geburtshoroskopie lehnte er als Aberglauben ab, förderte aber die Astrologie als Naturwissenschaft. Nach seiner Rückkehr an den Rhein blieb der Kontakt zu Spanien erhalten und so mag er als Beispiel für einen interkulturellen Austausch gelten.

Vor allem auch die Kreuzzüge brachten in ihrer Folge einen vermehrten Austausch arabisch-abendländischer Kultur mit sich, und so wurde beispielsweise Chartres ein geistiges Zentrum. Christliche Glaubenslehre und arabische Philosophie befruchteten einander.

Ebenfalls zu nennen ist der bretonische Philosoph Bernardus Silvestris (Bernhard von Tours) und spätere Bischof von Quimper (1159-1167). In seinem philosophischen Werk "Megacosmos et microcosmos" sagt er, daß die Planeten von Gott eingesetzte göttliche Wesen seien, die durch ihre Bewegungen den Menschen die Zukunft enthüllen können. Gott habe in leuchtenden Buchstaben am Himmel die ganze Geschichte der Menschheit aufgezeichnet 57. Allerdings verwirft auch er den astrologischen Fatalismus und lehrt die Koexistenz von freiem Willen und unabänderlicher Notwendigkeit (Determinismus) als "variable Fortuna".

Gefördert von Erzbischof Raymond (1125-1152) versammelten sich in der "Übersetzerschule" von Toledo Persönlichkeiten wie Johann von Sevilla, Gerhard von Cremona, Platon von Tivoli. So wurden die Werke arabischer Astrologen und von Arabern übernommene griechische Schriften von Euklid, Aristoteles, Ptolemäus, Galenos, Hippokrates und Platon ins Lateinische und auch ins Hebräische übersetzt.

Im 12. Jahrhundert gelangten auf diesem Wege eine Vielzahl astronomischer und astrologischer Werke nach Europa 58. Die astronomischen Tafeln beinhalteten in der Regel zunächst eine Anleitung, wie das Buch zu gebrauchen sei, und manchmal Erklärungen, wie die Berechnungen aufgestellt wurden, im Hauptteil dann die tabellarisch aufgeführten Berechnungsergebnisse selbst. Ein wichtiges Vermächtnis der Araber ist bis heute die Algebra und die Trigonometrie. Um noch zwei wichtige Werke zu nennen: die "Tabulae Toletanae" des Az-Zarqãli, die von Gerhard von Cremona ins Lateinische übertragen wurden, enthielten z. B. die verschiedenen damals gebräuchlichen Zeitrechnungen, und die "Tabulae Probatae" des Ibn Abi Mansur, der über die Berechnung der Planetenbahnen des Merkur und der Venus zu dem Schluß gekommen war, daß sich diese Planeten um die Sonne drehen müßten. Diese Hypothese findet später Eingang in die "Alfonsinischen Tafeln" 59 genannten Planetentafeln und wird von Kepler und Tycho Brahe wie auch Riccioli vertreten, wo sich diese Erkenntnis im 17. Jahrhundert schließlich durchsetzt. Gerhard von Cremona verdanken wir auch die Übersetzung des "Almagest", das opus magnum des Ptolemäus, die er 1175 fertigstellte 60.

Die Übersetzungen der astrologischen Werke waren so zahlreich, daß man sie gar nicht alle nennen kann 61. 1138 übersetzte Platon von Tivoli das "Tetrabyblos" des Ptolemäus ins Lateinische, welches in arabischen Übersetzungen bereits vorlag. Übermittelt wurde die Kunst der Erstellung eines Geburtshoroskops nebst Geburtszeitkorrektur, die Lehre von den großen Konjunktionen im Bereich der Mundanastrologie sowie das System der "interrogationes" und "electiones", d. h. man berechnete im voraus den günstigsten Zeitpunkt für ein Vorhaben, etwa einen Feldzug oder den Bau einer Stadt wie  bei der Gründung Bagdads geschehen. "Und im Mittelalter erachteten es die Städte als Ehrensache, ihr Gründungshoroskop zu kennen, wobei sie (wie etwa Byzanz oder Barcelona) eines erfanden, wenn keines vorhanden war" 62.

 

 

 

3.2 Mittelalterliche Kosmologie

 

Die mittelalterliche Kosmologie war mit der Astronomie eng verbunden. Die Kosmosvorstellung wurzelte in den Vorstellungen der antiken Philosophen 63 und hier vor allem im ptolemäisch-aristotelischen Weltbild der Spätantike 64. Sie fußte besonders auf den aristotelischen Werken "De caelo", "Metaphysik", "Physik" und "Meteorologie". Eine Vorstellung, die schon die Kirchenväter akzeptieren konnten, weil die geozentrische Theorie mit dem Schöpfungsbericht kongruent war.

Das System stellte sich wie folgt dar: Um die kugelförmige Erde als Mittelpunkt waren zehn konzentrische Kreise angeordnet, von denen die sieben innersten der Reihe nach Sphären der sieben Planeten waren, die achte Sphäre war die der Fixsterne, die neunte die der Präzession, die zehnte Sphäre schließlich die des primum mobile. Verchristlicht wurde dieses System, indem Gott der Beweger des primum mobile wurde und der Himmel über der Fixsternsphäre als sternlose, kristallklare und wässrige Zone dargestellt wurde. Thomas von Aquin beschreibt diese Sphäre so: "Die Wasser über den Himmeln sind nicht notwendig flüssig, sondern eisartig wie Kristalle um die Himmel angeordnet" 65.

Das Universum war ein geordnetes Ganzes mit Gott als Quelle aller himmlischen Bewegungen, der den Platz des unbewegten Bewegers bei Aristoteles einnahm. Gott bewegte also das primum mobile, das seinerseits die Bewegungen der Fixsterne und der Planeten bedingte. Gott als Urgrund aller Bewegung bewegt, indem er selbst durch die Liebe seiner Geschöpfe zu ihm bewegt wird.

Die Sterne werden von geschaffenen Intelligenzen bewegt, die Thomas von Aquin mit Engeln gleichsetzt, da seiner Meinung nach Gott das Universum durch eine Hierarchie von Engeln regiert. Nach Albertus Magnus sind diese von Gott gelenkten beseelten Beweger keine Engel, sondern immaterielle Intelligenzen. Die Sphäre der Himmelskörper besteht aus dem fünften Element, dem Äther, und unterscheidet sich so von den irdischen vier Elementen. Außer der täglichen Bewegung unterliegen sie keiner Veränderung.

Nun waren die Planeten immer mit Eigenschaften verbunden worden, was sich mit dieser Vorstellung nicht vereinbaren ließ. Saturn galt z. B. immer als kalt und trocken, der Mond als kalt und feucht, die Sonne hingegen als heiß und trocken. Die scholastischen Gelehrten lösten das Problem, indem sie sagten, daß die Eigenschaften der Planeten im Äther äußerlich nicht vorhanden seien, sondern nur auf Erden wirkten: so ist der Saturn nicht kalt, sondern bewirkt auf Erden Kälte. Die scholastischen Naturforscher vertraten die Theorie, daß die Bewegungen der Planeten und ihre Beschaffenheit die beseelten und unbeseelten Körper der sublunaren Sphäre beeinflussen. "Die astrologischen und alchemistischen Traditionen wurden gewahrt, indem das Wachstum von Pflanzen und Tieren dem Planeteneinfluß unterstellt und die Beziehung zwischen Planeten und Metallen anerkannt wurde. Der philosophische Gedanke, der dem Quadrivium zugrunde lag, die Kenntnis der kosmischen Gesetze führe zur Mathesis (=Gotteserkenntnis), lebte nun in veränderter Form wieder auf; die Astronomie wurde als Weg zur Gotteserkenntnis wichtig, weil das Primum mobile des Aristoteles gut zu al-Bitrujis Aussage paßte, alle Himmelsbewegung sei auf einen einzigen ursprünglichen Beweger (=Gott) zurückzuführen. Die im 13. Jahrhundert aufkommende Naturtheologie führte zu dem Glauben, die Naturvorgänge enthüllten durch Erforschung ihren inneren Sinn und zeigten Gottes Wege" 66.

Die Spiegelung himmlischer Vorgänge in irdischen Ereignissen, die die Astrologie lehrte, wurde akzeptiert, weil die Erfahrungswelt voll von Wirkungen war. Der Mensch als Mikrokosmos empfand sich als Abbild des großen Weltganzen, des Makrokosmos, und als dessen Teil.

 

 

3.3 Mittelalterliche Philosophie

 

Die abendländische mittelalterliche Philosophie ist eine Verknüpfung von Christentum und Philosophie und fußt neben der aristotelischen Lehre auf dem letzten großen System der Antike, dem Neuplatonismus, dessen Begründer Plotin (ca. 204-270) war.

Das Emanationsschema des Plotin beschreibt den Aufstieg und Abstieg vom und zum Einen. Dieses Eine ist die absolute Einheit und Fülle. Von diesem Einen leitet sich alles Sein und alle Schönheit ab. Kein Seiendes existiert außerhalb der Verbindung mit dem Einen. Das Eine dehnt sich aufgrund seiner Überfülle aus und fließt in eine seinsmäßig tiefere Stufe, was Emanation genannt wird. So bildet sich die jeweils höhere Seinsstufe in der darunterliegenden ab und verliert dabei zunehmend an Einheit und Fülle, bis das Sein mit der Materie die Körperwelt gründet.

Diese absteigenden Stufen gliedern sich wie folgt: Aus dem Einen entsteht zunächst der Geist (nous), der die Sphäre der Ideen, der ewigen Urbilder aller Dinge bildet und damit das höchste Seiende ist. Diese Geistebene ist in sich different (Trennung vom Einen in das Viele), aber auf das Eine ausgerichtet.

Aus dieser Ebene entspringt die Ebene der Weltseele, die den Kosmos durchdringt, formt und beseelt und der Welt Harmonie verleiht. Die Weltseele enthält alle Einzelseelen, die sich mit der Materie verbinden und so die Einzeldinge der körperlichen Welt schaffen.

Die Materie ist als Antipol des Einen das Nichtseiende und vom Licht des Einen am weitesten entfernt. Die Verbindung der Seele mit der Materie trübt die Schau der Seele auf die Ebene des Geistes und weiter auf das Eine, von dem sie abstammt.

So ist nach dem Abstieg der Aufstieg zum Einen ein Prozeß der Reinigung, der über die Kontemplation angetrieben durch die Liebe (eros) zum Ur-Schönen und Ur-Einen erfolgt. So kann die Seele die Schattenwelt der Körper überwinden und zum Geist zurückfinden, wenn sie sich z. B. der Philosophie zuwendet. Die höchste Befreiung ist die Ekstase, wenn die Seele in unmittelbarer Versenkung das Eine schaut 67.

Nach neuplatonischer Auffassung war der Kosmos ein Zahlenkosmos, und die Quantität drückte das Wesen der Ordnung aus. So ist das Quadrivium mit der Kosmologie eng verbunden, denn "die vier traditionellen Bildungsfächer Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik waren auf der Grundlage der neuplatonischen Philosophie durch die Zahl, d. h. die Größe verbunden, wobei die Arithmetik die Größe an sich, die Geometrie wegen der verschiedenen Figuren innerhalb eines Kreises eine unbewegliche, die Astronomie wegen ihrer Beschäftigung mit den sich wandelnden Positionen der Planeten eine bewegliche Größe darstellen und die Musik die Proportionen verschiedener Größen beinhaltet. Alle vier Fächer gehören der Kosmologie an" 68.

Aurelius Augustinus (354-430) greift die Plotinische Lehre auf. Die Ideen sind die Urbilder allen Seins im Geiste Gottes. Die geschaffene Welt ist die Verwirklichung und das Abbild dieser Urbilder. Gott schafft die Welt aus dem Nichts und ist also das Eine, von dem alles ausgeht. Sein bekannter Satz: "Gehe nicht nach draußen, in dich selbst kehre ein; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit" zeigt den Weg, der nach innen führt; von der sinnlichen Außenwelt zur Innenwelt des menschlichen Geistes und von dort zum Innersten des Herzens, der als liebender Aufstieg zu Gott begriffen wird, der der Urgrund der Wahrheit ist. Deutlich ist die Abstiegs- und Aufstiegsbewegung vom und zum Einen wie bei Plotin zu erkennen. Durch Augustinus wurde die neuplatonische Lehre ins Mittelalter tradiert.

Auch in der Kosmologie des Albertus Magnus (1206-1280) geht die Schöpfung in hierarchischen Stufen aus dem göttlichen Intellekt hervor, der alle Himmelsphären, den Geist und die Materie durchdringt. Die Einheit der Welt in ihrer Vielheit gründet in Gott, dem Unendlichen, in dem alle Gegensätze der endlichen Dinge aufgehoben sind.

Im Mittelalter ist der Blick auf die Rückkehr der Seele zum Einen (Gott) gerichtet. Die Seelen-Schau des Plotin finden wir ganz ähnlich auch wieder in der Mystik des Meister Eckhart (1260-1328).

Die zweite Säule der mittelalterlichen Philosophie, und hier besonders der Scholastik, sind die umfassenden Werke des Aristoteles, die vor allem durch Albertus Magnus und Thomas von Aquin gepflegt wurden.

Für die Scholastik wurde das Aufeinanderbezogensein von Deduktion und Induktion im Erkenntnisprozeß wichtig. Deduktion meint den Weg vom Allgemeinen zum Besonderen, der in einer Kette von Schlüssen zum Beweis führt. Das Bestehende aus einer Ursache abzuleiten, ist dabei Ziel der Erkenntnis (Wissenschaft). Induktion meint das Gegenstück zur Deduktion, nämlich den Weg vom Besonderen zum Allgemeinen, wobei Vorwissen und sinnliche Erfahrung mit einbezogen werden, um aus Prinzipien des Einzelnen Erkenntnis für das Gemeinsame zu gewinnen.

Zentral bestimmend für das Mittelalter war das aristotelische Weltbild mit seinem Schichtenbau vom reinen Stoff zur reinen Form in aufsteigender Bewegung: Die Erde, umgeben von den Elementen, über ihr die sublunare Sphäre, die Welt des Veränderlichen. Dann folgt die Welt des Unveränderlichen, der Äther, der acht Sphären umfaßt: die unteren drei Sphären (Mond, Merkur, Venus), die mittlere Sphäre (Sonne), die oberen drei Sphären (Mars, Jupiter, Saturn) und als achte Sphäre das Primim mobile, das erste Bewegliche. Über allem ist die ewig unbewegte, alles bewegende Gottheit. Die Welt wird nicht durch Gott bewegt sondern durch das Streben des Stoffes nach der Gottheit als der reinen Form. Problematisch war diese Gottesvorstellung insofern, als sie ein Eingreifen Gottes in den Weltenlauf ausschließt. Der aristotelische Gott ist reiner Geist, der sich selbst zum Denkgegenstand hat mit prinzipiellem Desinteresse an der Welt.

Mittelalterliche Philosophie ist aber vor allem christliche Philosophie mit dem Grundthema, ein Verhältnis zwischen Glauben und Wissen zu finden. Sie beginnt mit der Patristik (2.-7. Jh.), die die christliche Lehre mit Hilfe antiker Philosophen auszubauen versucht. Die Frühscholastik (9.-12. Jh.) begreift die Schöpfung als Selbstoffenbarung des verborgenen Gottes. Die scholastische Methode wird allmählich entwickelt, was eine langsame Abkopplung von den Lehren der Kirchenväter einschließt. Den Kirchenvätern soll man folgen, solange ihre Aussagen im Einklang mit der Offenbarung stehen, gelingt dies nicht, hat die Vernunft Vorrang. Zwischen 800 und 1200 werden dem christlichen Mittelalter durch die arabischen Einflüsse Philosophie und Wissenschaft der Antike zugänglich gemacht, was in der Hochscholastik (12.-13. Jh.) zu eigenständiger philosophischer Auslegung und Erkenntnis führt.  In der Spätscholastik (14. Jh.) schließlich leitet das Aufblühen der Naturwissenschaften ein neues geistiges Zeitalter ein.

 

 

5.4 Cundry und die Berufung Parzivals zum Gral

 

Während das Fest von Jôflanze noch begangen wird, erscheint die Zauberin Cundry mit dem Gralswappen auf ihrem Mantel, das sie als Gralsbotin ankündigt. Cundry berichtet feierlich, daß auf dem Gral Parzivals Berufung zum Gralsherrscher zu lesen war: "daz epitafjum ist gelesen: du solt des grâles hêrre wesen." (P. 781, 15-16). Die Berufung setzt Cundry mit dem Planetenstand in Beziehung:

"Siben sterne si dô nante

heidensch. die namen bekante

der rîche werde Feirefîz,

der vor ir saz swarz unde wîz.

si sprach 'nu prüeve, Parzivâl.

der hôhste plânête Zvâl,

und der snelle Almustrî,

Almaret, [und] der liehte Samsî,

erzeigent saelekeit an dir.

der vünfte heizet Alligafir,

unde der sehste Alkitêr,

und uns der naehste Alkamêr.

ich enspriche ez niht ûz eime troum:

die sint des firmamentes zoum,

die enthalden sîne snelheit:

ir criec gein sîme loufte ie streit.

sorge ist dînhalp nu weise.

swaz der plânêten reise

umblouft, [und] ir schîn bedecket,

des sint dir zil gestecket

ze reichen und ze erwerben (P. 782, 1-21) 106.

Die Aufzählung der sieben Planeten erfolgt aus geozentrischer Sicht folgerichtig: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond. Nur drei der Planeten erhalten ein beschreibendes Attribut. Saturn wird der höchste Planet genannt, was richtig ist, da er der äußerste der damals bekannten Planeten ist. Der Sonne wird die Eigenschaft "liehte" zugeordnet, was offensichtlich ist. Daß nun gerade Jupiter das Beiwort "snelle" erhält, kann höchstens poetische Gründe haben, denn ein Jupiterzyklus beträgt immerhin zwölf Jahre. Als der uns "naehste" Planet wird der Mond genannt, was der tatsächlichen Gegebenheit entspricht. Diese Planetenbestimmungen gehen allerdings nicht über das Allgemeine hinaus. Allein die Aufzählung aller Planeten vom fernsten bis zum nächsten geschieht ausgesprochen eindrucksvoll; schon die fremden Namen beeindrucken, vorgetragen von einer Zauberin, die nach ihrer Personenbeschreibung wie ein Fabelwesen anmutet. Die Bewegung ist vom Himmel kommend auf die Erde ausgerichtet, genauer auf Parzival zu. Denn die Planeten erzeigen "saelekeit" an Parzival. Sie sind Anzeiger des göttlichen Willens, von dem Cundry sagt:

"'ôwol dich, Gahmuretes sun!

got wil genâde an dir tuon" (P. 781, 3-4).

Parzival ist "saelde wirdic". Er hat sich des himmlischen Heils als würdig erwiesen. Denn der Begriff der "saelekeit" bedeutet mehr als Glück, er beinhaltet himmlischen Segen.

Auch Anfortas soll durch Parzival die göttliche Gnade zuteil werden. Er soll von seinem Leid durch die Frage aus "wahrhaftem Mund" erlöst werden:

"waere dir niht mêr saelden kunt,

wan daz dîn wârhafter munt

den werden unt den süezen

mit rede nu sol grüezen:

den künes Anfortas nu nert

dîns mundes vrâge, diu im wert

siufzebaeren jâmer grôz:

wâ wart an saelde ie dîn genôz?'" (P. 781, 23-30).

Jetzt ist der rechte Zeitpunkt gekommen, der sich in der Übereinstimmung von göttlichem Willen zur Berufung Parzivals und Erlösung des Anfortas unter dem Zeichen der sieben Gestirne offenbart.

5.5 Parzivals Einzug in die Gralsburg

 - die Erlösung des Anfortas

 

Das sechzehnte Buch beginnt mit einem langen Monolog, in dem Anfortas nach Jahren des Leidens alle Hoffnung auf Erlösung aufgegeben hat und um den Tod bittet. Aber die Gralsgemeinschaft, die er ihm gegenüber für treu- und mitleidlos hält, vertraut auf den Gral und somit auf Gott eingedenk der Prophezeiung, Anfortas werde erlöst, die Trevrizent derzeit vom Gral abgelesen hatte und die im "Trevrizent-Gespräch" unter 5.2. schon angeführt wurde. Die Getreuen tragen Anfortas allwöchentlich vor den Gral, so daß er durch dessen wundersame Kraft nicht sterben kann 107. Als Parzival zusammen mit Feirefîz auf Munsalvaesche eintrifft, steht diese Ankunft wiederum unter dem Zeichen der Sterne:

"Unz an den tac daz Parzivâl

unt Feirefîz der vech gemâl

mit vröuden ûf Munsalvaesche riten.

nu hete diu wîle des erbiten, 

daz Mars oder Jupiter 

wâren komen wider her 

al zornec mit ir loufte 

(sô was er der verkoufte)

dar si sich von sprunge huoben ê. 

daz tete an sîner wunden wê 

Anfortase, der sô qual

magede und ritter hôrten schal

von sîme geschreie dicke,

unt die jâmerlîchen blicke

tet er in mit den ougen kunt.

er was unhelfeclîche wunt:

si mohten im gehelfen niht" (P. 789, 1-17).

Wie Deinert anführt, ist statt des 'Mars oder Jupiter' in einer weiteren Handschrift auch 'Mars unde Jupiter' überliefert 108. Welches nun die gültige Fassung ist, läßt sich leider nicht abschließend klären.

Deinerts Argumentation, Wolfram würde den Planeten jetzt nur zeichenhaft erscheinen lassen und nicht einmal festlegen, welcher es denn nun war, und aus Gründen der Parallelität im Aufbau des Werkes neben des einen Saturn nun auch nur einen Planeten, nämlich Mars oder Jupiter, wirken lassen, kann ich nicht folgen. Die zweite Begründung, die Deinert anführt, nämlich daß die Umlaufzeiten von Mars (zwei Jahre) und Jupiter (zwölf Jahre) insbesondere mit Berücksichtigung der Zeitangaben, die zwischen den jeweilig genannten Gestirnpositionen liegen, nicht übereinstimmen können, stützt sich auf eine folgerichtige Beobachtung. Aber es stellen sich hier doch zwei Fragen.

1. Wie umfassend war Wolframs astrologisches Wissen?

2. Ist es für die Konzeption des Werkes notwendig bzw. umsetzbar, die genauen Sternenpositionen in ihrem zeitlichen Vollzug zu berücksichtigen?

Was Wolframs astrologische Kenntnisse betrifft, sind sie sicher nur unvollkommen vorhanden. Der Zugang zu der wissenschaftlichen lateinischen Übersetzungsliteratur aus dem Arabischen mit Toledo als ihrem Zentrum dürfte erstens begrenzt gewesen sein, und ist zweitens auch nicht explizit nachweisbar. Von allgemeinen Grundkenntnissen zeugen die astrologischen Bezüge im Text, aber es wird an keiner Stelle ein genauer Bezugsrahmen genannt, zu dem man eine Planetenkonstellation in Beziehung setzen könnte. Beispielsweise hätte Wolfram auch das Geburtshoroskop Parzivals seinem Weg voranstellen oder aber Angaben zu den Tierkreiszeichen oder Häusern machen können, vor deren Hintergrund sich die Planetenkonstellationen ereignen. Solche Angaben fehlen ganz. Wir können lediglich die genannten Planeten zueinander in Beziehung setzen, wenn wir davon ausgehen, daß sie sich jeweils in ihrem Domizil befinden.

Für die Konzeption aber reicht es völlig aus, die den Planeten zugeordneten Eigenschaften zu kennen und diese in einen Sinnzusammenhang mit den Ereignissen der Handlung zu bringen. So unterstreicht die Nennung der Gestirne die mit ihnen verbundenen Ereignisse.

 

Als Parzival vor Anfortas tritt, bittet ihn dieser ebenfalls, ihn nur lange genug vom Gral fernzuhalten, damit sein Leiden durch den Tod endlich ein Ende habe:

"werbet mir dâ ze in den tôt

und lât sich enden mîne nôt.

sît ir genant Parzivâl,

sô wert mîn sehen an den grâl

siben naht und aht tage:

dâ mite ist wendec al mîn clage" (P. 795, 9-14).

Aber Parzival beweist rechte "triuwe", indem er diesem Wunsch nicht nachgibt, sondern gerade den Gral holen läßt, damit das Versprechen Gottes durch Parzivals Mitleidsfrage eingelöst werde:

"alweinde Parzivâl dô sprach

'saget mir wâ der grâl hie lige.

ob diu gotes güete an mir gesige,

des wirt wol innen disiu schar'" (P. 795, 20-23).

Und so kann Parzival endlich die erlösende Frage aussprechen:

"'oeheim, waz wirret dir'?" (P. 795, 29).

Dieser Augenblick bezeichnet die "rehte zît", die wie im "Trevrizent-Gespräch" angekündigt durch die erste Gralsinschrift nicht näher bezeichnet war. Erst mit der Berufung Parzivals zum Gralskönig bricht die durch die zweite Gralsinschrift bezeichnete Zeit an. Diese besondere Zeitqualität wird wiederum begleitet durch alle sieben Sterne, die "saelekeit" an Parzival verkünden. Wie Parzival gegenüber Cundry selbst bemerkt "done was ez et dennoch niht mîn heil" (P. 783, 15), hatte er bei der ersten Einkehr in Munsalvaesche noch nicht die Reife erlangt.

An dieser Stelle möchte ich an das Ende des Kapitels 5.2 anschließen und meine These formulieren. Dazu sei an die drei Bedeutungsmöglichkeiten des höchsten Standes Saturns erinnert: Der Tagesbogen als erste, der Aufenthalt in seinem eigenen Tierkreiszeichen als zweite Möglichkeit und als dritte die Vollendung eines vollständigen Zyklus, der durch die Wiederkunft des Planeten an die Stelle, die er zur Geburt inne hatte, angezeigt wird und den Zeitraum von 29,5 Jahren umfaßt.

Und diese dritte Variante ist besonders interessant. Anfortas ist der Onkel Parzivals, also der Bruder seiner Mutter Herzeloyde und dürfte damit um den Abstand einer Generation älter sein als Parzival. Der greise Titurel wiederum ist um zwei Generationen älter als Parzival. Der Abstand zwischen zwei Generationen umfaßt in etwa dreißig Jahre. Zwar wissen wir nicht, wie alt Parzival ist, als er Anfortas erlöst und selbst Gralskönig wird, aber die Übernahme dieser Aufgabe würde aus astrologischer Sicht mit der Vollendung des ersten Saturnzyklus hervorragend korrespondieren. Denn den Saturnzyklus beenden heißt, auch einen Entwicklungszyklus abschließen; und erst nach der Saturnwiederkehr hat man seine Individualität voll entwickelt und ist zu einer auf sich selbst gründenden Persönlichkeit herangereift. Als Parzival endgültig am Ort seiner Bestimmung ankommt, ist er auch bei sich selbst angekommen; jetzt erst ist er sich seiner selbst und seiner Aufgabe voll bewußt. So können wir es hier mit der gleichzeitigen Saturnwiederkehr dreier Generationen zu tun haben!

Das Ende eines Zyklus leitet immer auch den Beginn eines neuen ein. Für Parzival endet die Zeit der Aventiuren und es beginnt seine Zeit als Gralshüter. Für Anfortas endet die Aufgabe als Gralskönig, er wird von seinen Leiden erlöst und dient dem Gral als Ritter rechten "mazes" 109. Auch der greise und gelähmte Titurel muß nun nicht länger am Leben erhalten werden.

 

Zwischen der versäumten und der erlösenden Frage liegen etwa fünfeinhalb Jahre, wie im Text zweimal angegeben:

"vünftehalp jâr und sehs wochen

ist daz der werde Parzivâl

von dem Plimizoel nâch dem grâl

reit" (P. 646, 14-17).

Und bezogen auf die Trennung von Condwiramurs lautet die Zeitangabe:

"ich wil si sehen, die ich nie gesach

inre vünf jâren" (P. 799, 2-3).

Bei der ersten Ankunft Parzivals auf der Gralsburg befand sich Parzival somit im letzten Viertel seines ersten Saturndurchlaufs, der noch nicht vollendet war. Aber ehe Saturn nicht alle zwölf Häuser durchlaufen hat, sind auch nicht alle Persönlichkeitsbereiche strukturiert und geformt. Parzival war sich seiner selbst noch nicht ausreichend bewußt, um die von ihm erwartete Handlung vollziehen zu können. Jetzt erst, mit der Wiederkunft des Saturn auf den Platz, den er bei der Geburt inne hatte, ist die Zeit gekommen, in der Parzival handeln kann. So führt Parzivals Weg planvoll von höherer Macht gelenkt zur rechten Zeit zu Anfortas!

Wie eingangs festgehalten, korrespondieren die besonders großen Schmerzen, die Anfortas leidet, mit dem Wiedereintritt Saturns in sein Zeichen Steinbock, als Parzival das erste Mal in Munsalvaesche eintrifft. Inzwischen sind, wie in den eben zitierten Textpassagen angegeben, fünf Jahre vergangen und immer noch befindet sich Saturn in seinem Zeichen. Bei einer Verweildauer von zweieinhalb Jahren pro Zeichen klärt sich das Rätsel, wenn man weiß, daß im Mittelalter ja noch nicht alle Planeten entdeckt waren 110 und Saturn sowohl dem Steinbock als auch dem nachfolgenden Zeichen Wassermann zugeordnet war. Erst mit der Entdeckung des Uranus zur Zeit der Französischen Revolution, die er gleichsam ankündigte, erhielt das Zeichen Wassermann seinen eigenen Herrscher Uranus. Wir dürfen also annehmen, daß Saturn bei der ersten Begegnung Parzivals mit Anfortas gerade in das Steinbockzeichen eintrat, was seine Wirkung verstärkte, und nun bei der zweiten Begegnung am Ende des Zeichens Wassermann steht, am Übergang zum Zeichen Fische. Auch das ist sehr sinnfällig, geht es doch beim Wassermann um das Ausgießen der himmlischen Wasser, des Geistes. An der Schwelle zum Zeichen Fische, welches am Ende des Tierkreises steht und Himmel und Erde verbindet, eine allumfassende Liebe und den Erlösungsgedanken in sich trägt, steht die Erlösung des Anfortas in offensichtlicher Übereinstimmung mit dem Planetenstand.

 

Zur Astronomie im Parzival hat neben Deinert auch Werner Greub geforscht 111. Seine Thesen sind so gewagt wie spannend und seien hier kurz vorgestellt. Zu den gewagten Thesen gehört, daß Greub Wolfram als Historiker ansieht, der uns getreu historische Wahrheiten übermittelt. In der Figur des Willehalm meint Greub den wahren Kyôt erkennen zu können, denn Willehalm habe während seiner Gefangenschaft "caldeis" gelernt, also die Astronomie der Chaldäer. Ebenso setzt er die Figur des Flegetânîs mit der Person Têbits gleich, der im 8. Jahrhundert lebte und ein harranischer Sabier an der Bagdader Hofschule war. Für Greub sind der Gral und das Gralsgeschlecht real und historische Realität; diese Annahme ist allerdings durch die historische Forschung nicht belegt. Greubs These ist, daß wir es im Parzival mit der Astrologie des 8./9. Jahrhunderts zur Zeit Harun al Raschids zu tun haben und nicht mit der arabischen Astrologie des 12. Jahrhunderts, vor deren Hintergrund Wolframs Astrologie bruchstückhaft erscheinen müsse. Wolframs Gewährsmann Kyôt, der zudem auch dem anderen im Text genannten Kyôt gleichzusetzen sein soll, sei Augenzeuge und Chronist des Gralsgeschehens am Ende des 8. Jahrhunderts gewesen. So habe Wolfram die bezeugten Sternenbeobachtungen in sein Werk mit eingearbeitet, ohne selbst über astronomische Kenntnisse verfügt haben zu müssen.

Das "an sîn zîl gestuont" eines Planeten setzt Greub ebenfalls mit dem Wiedereintritt eines Planeten in das ihm zugehörende Tierkreiszeichen gleich. Die mathematischen Berechnungen Greubs verdienen mithin Aufmerksamkeit. Im Planetarium Luzern ließ er die Planetenstellungen unter folgenden Fragestellungen zum Ende des 8. Jahrhunderts Revue passieren:

1. Wann trat Saturn um das Jahr 842 in den Steinbock ein?

2. Wann und in welchem Zeichen fand eine Konjunktion von Jupiter und Saturn statt?

3. Wann trat Mars in den Skorpion ein?

Diese Fragen korrespondieren mit dem Eintreffen der Planeten Saturn, Mars und Jupiter in ihren jeweiligen Domizilen, wobei alle genannten Planeten je zwei Zeichen zugehörig waren: Saturn wie schon genannt dem Steinbock und dem Wassermann, Mars dem Widder und dem Skorpion, Jupiter dem Schützen und den Fischen.

Greub fand die Planetenstände wie im zeitlichen Gefüge im Parzival angegeben im Planetarium bestätigt. Danach berechnete er, daß Parzival am 19. September 842 zum ersten Mal auf der Gralsburg eintraf - als Saturn seinen höchsten Stand erreicht hatte und also ins Zeichen Steinbock eintrat. Für den Mai 848 ließ sich eine dreifache Konjunktion von Jupiter und Saturn in den Fischen feststellen, was sowohl mit der angegebenen Zeitspanne von fünfeinhalb Jahren, die zwischen dem ersten und dem zweiten Eintreffen auf der Gralsburg vergehen, übereinstimmt als auch mit dem Eintreffen Jupiters in dem ihm zugeordneten Zeichen Fische und des Weiterwanderns Saturns, der nach fünfeinhalb Jahren ebenfalls in das Zeichen Fische eintritt. Am 13. Mai 848 trat zudem Mars in sein Zeichen Skorpion ein. Diese spezifische Gestirnkonstellation findet sich nur in den Jahren 7 v. Chr., 848 und dann erst wieder 1702. Insofern hat Greub den Zeitrahmen, der sich aus den angegebenen Planetenständen im Parzival ergibt, tatsächlich bestimmen können.

Bemerkenswert auch, daß die großen Konjunktionen von Jupiter und Saturn im Abstand von 854 Jahren am gleichen Himmelsort stattfinden. Rechnet man vom Jahr 848 diese Zeitspanne zurück, gelangt man in das Jahr 7 v. Chr., wo die ebenfalls dreifache große Konjunktion als Stern von Bethlehem Bedeutung erlangte.

Greub setzte weiterhin alle zeitlichen Angaben im Parzival in Beziehung zueinander mit dem Ergebnis, daß Parzival am 9. Mai 841 etwa vierzehnjährig von Herzeloyde fortgeritten sei und im Alter von 21 Jahren am 13. Mai 848 zum Gralskönig berufen wird.

Nach Greub wäre somit der Saturnzyklus noch nicht beendet, wie ich das annehme, sondern nur zu Dreiviertel durchlaufen. Immerhin umfaßt die Spanne bei Greub sieben Jahre, was mit dem Saturnzyklus insoweit korrespondiert, als er aus vier Siebener Rhythmen besteht.

Das Ergebnis Greubs in Bezug auf die Konstellation von Saturn, Jupiter und Mars ist beachtenswert. Der Konstellation geht die Annahme voraus, daß der Stand der Planeten jeweils auf ihr Domizil bezogen ist, was nicht nur als möglich sondern als wahrscheinlich angesehen werden muß. Da aber die astrologischen Angaben im allgemeinen oder in Andeutungen bleiben, Bezugspunkte also nicht explizit gesetzt werden, können die Ergebnisse über den Bereich des Wahrscheinlichen kaum hinausgehen.

 

 

 

 

 

6. Narration

 

6.1 Erzähler und Autor

 

Die individuellen Züge des Erzählers, die Ich-Aussagen wie auch die Anspielungen auf Personen und Orte, die sich im Umfeld Wolframs befunden haben, führten in der Vergangenheit zu der Annahme, daß die Figur des Erzählers mit der Person Wolfram von Eschenbachs identisch sei. Die Figur des Erzählers ist eine wechselvolle Erscheinung, mal ungebildet und ahnungslos, mal wissend und als Kommentator, mal mit Seitenhieben auf die "tumben liute" etwa, mal seine eigene Autorität untergrabend, wenn er sich mit Selbstironie der Lächerlichkeit preisgibt. Die Selbstaussagen des Erzählers summierend schreibt Nellmann: "So präsentiert sich der Erzähler als ein Mann, der arm ist, stets hungrig, wenig risikofreudig (im Kampf ebensowenig wie den Frauen gegenüber), andererseits immer bereit zu kleinen amourösen Eskapaden. Jeder Zug ins Große fehlt ihm ..." 112. Soll dies tatsächlich Wolfram von Eschenbach sein? Wohl kaum. Wie Bumke konstatiert, geht man in der neueren Forschung von einer poetischen Konstruktion der Erzählerfigur aus.

Diese Erzählerfigur nimmt im Parzival durchaus eine dominierende Rolle ein und spielt zudem virtuos mit seinem Publikum, welches zunächst einmal ein fiktives ist. Die Stellen, an denen der Autor in der Erzählerfigur impliziert erscheint, umfassen sicherlich die poetologischen Äußerungen, die zeitgeschichtlichen Bezüge, die literarischen Anspielungen, die Erläuterungen wie auch die Minne-Exkurse.

Mit einer Aussage zur Poetik führt sich der Erzähler im Prolog ein. Ausgehend vom Elsterngleichnis, das ein Leitmotiv für die ganze Parzival-Erzählung werden soll, wird die Art der Erzählung "alsam ein schellec hase" (P. 1, 19) vorgestellt. Die Erzählung bewegt sich nicht geradlinig, sondern schlägt Haken in unerwarteten Wendungen, Widersprüchen und Bezügen und fordert vom Publikum die Fähigkeit, diese Gedankensprünge mitzuvollziehen. Wolfram setzt für diese Art des Erzählens das Bild des Turnierreiters ein: "beidiu si vliehent unde jagent / si entwîchent unde kêrent" (P. 2, 10-11).

In der Selbstverteidigung, die zwischen dem zweiten und dritten Buch angesiedelt ist, wird das sprunghafte Erzählen als Gegenentwurf zu den bestehenden Regeln der Poetik und Rhetorik, die Ausgewogenheit und Ebenmäßigkeit des Ausdrucks verlangen, deutlich. Mit den Aussagen "disiu âventiure vert âne der buoche stiure" (P. 115, 29-30) und "ichne kan deheinen buochstap" (P. 115, 27) macht Wolfram von Eschenbach deutlich, daß er sich nicht auf Gelehrsamkeit und schriftliche Tradierung stützt. Die Selbstaussage, er sei Analphabet, ist selbstverständlich nicht wörtlich zu nehmen - obwohl auch darüber spekuliert wurde - sondern als ironischer Einwand gegen die betriebene Gelehrsamkeit anderer Autoren zu werten.

 Die Eigenart seines Erzählstils unterstreicht Wolfram im Bogengleichnis, welches im fünften Buch, Vers 241, genannt wird. Die gespannte Sehne des Bogens gleicht dem hakenschlagenden Weg des Hasen, der Pfeil symbolisiert die auf das Publikum abgeschossene Erzählung. Was gerade im Handlungsablauf erscheint, kann krumm sein und umgekehrt.

 Außergewöhnlich ist auch das Gespräch mit Frau Aventiure am Anfang des neunten Buches. Hier wird die Erzählung selbst zum Gegenstand der Erzählung, als Frau Aventiure beim Erzähler anklopft und ihm vom Fortgang der Parzival-Erzählung berichtet. Der Erzähler wird selbst zum Zuhörer. So wie hier die Erzählung mit dem Erzähler kommuniziert, kommuniziert der Erzähler mit dem fiktiven Publikum, welches komplementär zur Erzählerfigur angeordnet ist.

Der Erzähler erzählt nicht nur seine Geschichte, er gibt Erläuterungen ab, stellt seinen Zuhörern Fragen, geht auf imaginierte Einwände ein, lenkt ihre Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung, warnt sie vor kommenden Ereignissen, verständigt sich mit ihnen über den weiteren Handlungsverlauf, was soweit gehen kann, daß er dem Publikum die Verantwortung für den weiteren Werdegang oder die Wahrhaftigkeit des Erzählten überträgt: "gebietet ir, sô ist ez wâr" (P. 59, 27) oder "diz sage ouch ich ûf iwer ieslîches eit" (P. 238, 8-9).

Der Erzählzusammenhang wird oft auch durch zeitgeschichtliche Einschübe unterbrochen, wenn der Erzähler z. B. die Trüdinger Krapfenpfanne oder die Dollnsteiner Marktfrauen nennt 113, insbesondere wenn die getroffenen Vergleiche nicht zusammenpassen wollen wie der Vergleich zwischen den Marktfrauen und der Königsschwester Antikonie. Vielleicht hat Wolfram hier experimentiert, denn solche lokalen Bezüge können ja nur beim Vortrag des ortsansässigen Publikums ihre Wirkung entfalten, nicht aber vor dem Publikum anderer Landstriche. Auffällig ist, daß die lokalen Bezüge nur in den Büchern IV-IX durchaus gehäuft angewendet werden, danach aber gar nicht mehr vorkommen. Möglicherweise hat Wolfram die unterschiedliche Wirkung vor dem jeweiligen Publikum testen können. Ein ortsansässiges Publikum wird sicher mit Freude, Neugier, Zustimmung auf lokale Einschübe reagieren und sich dem Erzähler verbundener fühlen. Ein Publikum, welches mit den ihm fremden lokalen Bezügen nichts verbinden kann, wird irritiert reagieren oder diese Einschübe sogar als störend empfinden.

Innerliterarische Anspielungen wie das Bezugnehmen auf zeitgenössische Dichtung etwa Hartmann von Aues oder Heinrich von Veldekes setzt zum einen die Kenntnis des Publikums dieser Werke voraus, untermauert aber auch den angenommenen Wahrheitsgehalt der Dichtung.

Weitere Unterbrechungen des Handlungsverlaufs sind eingefügte Erläuterungen wie z. B. die Ausführung des Erstgeburtsrechts bei der Einleitung der Gahmuret-Erzählung. Die Bemerkung: "des pfliget ouch tiuscher erde ein ort: daz habt ir âne mich gehôrt" (P. 4, 29-30) verwirrt allerdings mehr als sie erläutert: man weiß bis heute nicht genau, welcher Teil von Deutschland hier gemeint war.

6.2 Erzählmittel und Erzählstrategie

 

Als Erzählmittel sind die bildhaften Darstellungen, die Beschreibungen und die Komik zu nennen. Wolfram verwendet eine bildreiche Sprache, die Lebendigkeit und Anschaulichkeit erzeugt, wenn auch die Vergleiche manchmal etwas komisch anmuten. So wird Antikonies wohl-geformter Körper mit einem Hasen, der am Bratspieß schmort, verglichen (P. 409, 24 ff.). In beiden Fällen läuft den Rittern wohl das Wasser im Mund zusammen. Gurnemanz ist vor Herzeleid so wund wie ein Zaun Lücken zählt (P. 178 5 ff.). Malcreatüre hat Eckzähne wie ein wilder Eber und Haare so spitz und stachelig wie ein Igel (P. 517, 16 ff.).

Auffällig sind auch die sehr detaillierten Beschreibungen z. B. der Gralsprozession oder einzelner Gegenstände, Personen, Festlichkeiten, die sehr oft vom Normalen, Typischen, was sonst im höfischen Epos beschrieben wird, abweichen und statt dessen Außergewöhnliches schildern. Die detaillierte Beschreibung wiederum läßt sehr präzise Bilder in den Köpfen der Hörer entstehen, was der Schilderung den Anschein der Wahrhaftigkeit verleiht.

Die Erzählerstrategie dient der Strukturierung der Handlung und bedient sich der Arbeit mit Zeit und Raum, mit der Möglichkeit von Verknüpfungen von Personen, Ereignissen und Handlungssträngen. Die Schaffung ähnlicher Situationen, Wiederholungen im Handlungsablauf schaffen Wiedererkennungsmöglichkeiten für den Zuhörer.

 

 

 

 

6.3 Beglaubigung des Erzählten

 

In der mittelhochdeutschen Erzähldichtung bilden häufige Beglaubigungen des Erzählten einen festen Bestandteil der Dichtung. Nellmann 114 weist darauf hin, daß dies ein Phänomen vorrangig der volkssprachigen Literatur sei - im Gegensatz zu antiken Autoren oder der zeitgenössischen lateinischen Literatur, in der eine generelle Versicherung der Wahrheit des Erzählten oder eine einmalige Nennung der Quelle genügte.

Schon für Aristoteles war die Wahrscheinlichkeit des Erzählten wichtiger als die absolute Wahrheit des Erzählten. Die Aufgabe des Dichters ist zu berichten, was geschehen könnte und möglich wäre nach Angemessenheit oder Notwendigkeit. So gibt es in der Antike bereits einen Eigenwert der Poesie gegenüber der quellenbelegten Geschichtsschreibung.

Nellmanns Hauptargument für die vielen Beglaubigungen liegt in einem noch nicht sehr entwickelten Fiktionsverständnis des mittelhochdeutschen Publikums, genauer des adligen, höfischen Mäzenatentums, begründet. Ein anderes angeführtes Argument ist die distanzierte Haltung der Geistlichkeit gegenüber weltlicher Literatur. Auch ist denkbar, daß sich die Autoren "guter" Literatur gegen die Vortragskünste der wandernden Spielleute über die Beglaubigung abgrenzen. "Wer als volkssprachiger Romanautor reüssieren wollte, der mußte seine Erzählung als Geschichtsschreibung tarnen und dabei ein Übersoll an Absicherungen gegen die Verächter der Fiktion erfüllen" 115.

Ganze 78mal findet sich im Parzival eine quellenmäßige Verbürgtheit der Erzählung. Wolfram baut seine Beglaubigungen dabei kunstvoll auf, als wolle er mit seinem Publikum spielen. So findet sich im Prolog nur eine vage Andeutung entsprechender Vorlagen "ein maere wil ich iu niuwen" (P. 4, 9) und verzichtet ganz auf die übliche Wahrheitsbeteuerung. Dann beruft sich der Erzähler aufs Hörensagen (alsus hân ichz vernomen), auf ein allgemeines "man", auf die "aventiure".

Der leibhaftige Gewährmann namens Kyôt wird erst relativ spät durch den Erzähler eingeführt, nämlich erst im neunten Buch 116. Die Mitteilungen über Kyôt werden dem Hörer über mehrere Bücher verteilt nach und nach zugeführt. Eingeführt wird er als ein Provencâl, der die Geschichte in heidnischer Schrift - man darf annehmen in arabischer Schrift - aufgezeichnet fand und sie ins Französische übersetzte, was nicht mit dem Provenzalischen gleichzusetzen ist. Damit beruft sich der Erzähler bereits auf zwei schriftliche Quellen, wobei die Nennung einer arabischen Urquelle schon bemerkenswert erscheint. Wenn sich auch die Forschung an der Frage scheidet, ob es einen Kyôt nun wirklich gegeben hat oder nicht, dürfte das Publikum des Parzivals weder an der Existenz eines solchen Gewährsmannes gezweifelt haben noch hätte es seine Nichtexistenz beweisen können. Nachdem Kyôt eingeführt ist, wird die Quellenlage im neunten Buch wesentlich umfangreicher dargestellt. Hier wird der Verfasser der "heidenschen schrift" vorgestellt, Flegetânîs mit Namen, der weder Historiker noch Erzähler war, sondern ein Naturforscher, genauer ein Astronom, denn seine Kenntnisse vom Gral las er aus den Sternen: "er jach, ez hieze ein dinc der grâl: des namen las er sunder twâl in dem gestirne, wie der hiez" (P. 454, 21ff.). Wie durch den Text bekannt, kann ein Heide den Gral nicht sehen, woraus man schließen könnte, daß das Wissen um den Gral für Flegetânîs unvollständig bleibt.

Nachdem Kyôt dieses erste Zeugnis des Flegetânîs in Toledo in arabischer Schrift gefunden hatte - und die Angabe Toledos als Fundort gibt der Quelle wiederum einen hohen Wahrscheinlichkeitsgehalt -, sucht er nach weiteren Quellen und begibt sich dafür auf die Reise nach Frankreich, in die Bretagne und nach Irland. Beim Studium der lateinischen Landeschroniken wird er in Anjou fündig, wo Einträge über das Geschlecht Mazadans (der Artussippe) und über die Gralsfamilie existieren. Kyôt erscheint damit nicht nur als ein Übersetzer sondern zugleich als ein umsichtiger Quellenforscher. Seine Zeugnisse sind die Sternenschrift des Flegetânîs und die lateinischen Chroniken des Landes Anschouwe. Eine Chronik ist ein historisch verbrieftes Zeugnis, dem ein besonderes Maß an Glaubwürdigkeit zukommt.

Die Berufung auf die Sterne mag bei einem heutigen Leser Skepsis hervorrufen, für den mittelalterlichen Rezipienten war das keineswegs so. Wie in früheren Kapiteln dargestellt, begleiteten astronomisch-astrologische Beobachtungen und deren Auswertung die Menschen durch alle Jahrhunderte. Außerdem waren Sterne als Wegweiser schon durch den Stern von Bethlehem verbrieft. Und ab 1200 darf man von einem "Nebenregiment der Sterne" nebem dem christlichen Glauben sprechen.

Zum Ende des Parzivals weist der Erzähler darauf hin, Kyôt habe die Geschichte vollständig "endehaft" erzählt. Damit steht Kyôts Bericht im Gegensatz zu der Vorlage Chrétien de Troyes, der der "maere unreht getan". Wie Nellmann unterstreicht, ist "das Ausspielen Kyôts gegen Chrétien zum Abschluß des Romans notwendig für die Beglaubigung: Unter dem Publikum könnten Leute sitzen, die von Chrétiens "Perceval" wissen. Ihnen muß erklärt werden, warum der Erzähler einen unbekannten Kyôt gegenüber dem anerkannten Gewährsmann für Artusromane bevorzugt. Die Begründung, Chrétien sei unvollständig, ist auf jeden Fall stichhaltig und schützt den Autor gegen Fragen, woher er den Abschluß der Geschichte habe" 117. Die Einführung und der kunstvolle Ausbau der Figur des Kyôt fällt in die zweite Hälfte der Erzählung und korrespondiert mit den zunehmenden Abweichungen vom Text Chrétiens.

Der Erzähler holt sich aber noch Beglaubigungen ganz anderer Art. So klopft Frau Aventiure zum Anfang des neunten Buches an die Herzenstüre des Erzählers und dieser fragt Frau Aventiure nach dem Fortgang der Erzählung! Hier spielt Wolfram meisterlich mit der Beglaubigung:

   "‚Tuot ûf.' ‚wem? wer sît ir?'

‚ich wil inz herze hin zuo dir.'

...

‚jâ sît irz, vrou Âventiure?

wie vert der gehiure?

ich meine den werden Parzivâl" (P. 433, 1-9).

Schon früher bezieht sich Wolfram auf die Aventiure, die er wahrheitsgemäß berichtet und mit seinem ritterlichen Ehrenwort bekräftigt:

"ob ich iu dâ nâch swüere,

sô saget iu ûf mînen eit

mîn ritterlîchiu sicherheit

als mir diu âventiure giht" (P. 15, 10-13).

Oder aber er läßt die Aventiure selbst die Wahrhaftigkeit schwören:

   "als mir diu âventiure swuor" (P. 58, 16).

Auch bezieht der Erzähler sein Publikum in die Übernahme der Verantwortung für das Erzählte mit ein:

  "man sagete mir, diz sage ouch ich

 ûf iuwer ieslîches eit,

 daz vor dem grale waere bereit

 (sol ich des iemen triegen,

 sô müezet ir mit mir liegen)" (P. 238, 8-12).

   "gebietet ir, sô ist ez wâr". (P. 59, 27).

An anderen Stellen spielt er wiederum mit der Glaubwürdigkeit des Erzählten:

"ob der Provenzâl die wârheit las" (P. 805, 10).

"geloubetz, ob ir wellet" (P. 381, 28).

"ob ich iu niht gelogen hân" (P. 216, 9).

Durch die scheinbare Beteiligung des Publikums am Erzählvorgang lenkt er geschickt das Interesse seiner Zuhörerschaft:

   "welt ir nu hoeren vürbaz?" (P. 824, 1).

   "nu ruochet hoeren sîniu wort" (P. 302, 6).

   "rât irz, ich erwinde

   und sag iu vürbaz niht mêre.

   durch trûren tuon ich widerkêre.

   doch vernemt durch iuwer güete" (P. 401, 28 - 402, 1).

Die Mitbestimmung der Zuhörerschaft wird auch dazu genutzt, Erzählabschnitte abzuschließen oder einzuleiten:

   "lât si rîten, swer dâ geste sîn" (P. 101, 5).

   "Nu lât Artûsen stille ligen" (P. 667, 1).

   "nu lat den knappen wider komen" (P. 652, 15).

Eine andere Spielart des Erzählers besteht darin, seiner Hörerschaft Macht über die handelnden Figuren zu suggerieren, so daß sie die Erzählung scheinbar mitgestalten können:

   "Ezn sî denne gar ein vrâz,

   welt ir, si habent genuoc dâ gâz" (P. 639, 1-2).

   "nu erloubt im daz er müeze hân

ander wâpen denne im Gandîn

dâ vor gap, der vater sîn" (P. 14, 12-14).

 

Die Beglaubigung des Erzählten erfolgt also in vielfältiger Weise: über Quellenangaben in der Form scheinbar historischer Zeugnisse, über mündliche Tradierung mit Berufung auf einen Gewährsmann, über eidliche Versicherungen des Erzählers wie auch über das Spiel mit der Beglaubigung unter der geschickten Einbeziehung der Hörerschaft als Verbündete des Erzählers oder gar als Verantwortliche für das Geschehen. Wolfram ist darin ein meister wîs.

 

 

 

 

6.4 Zur Narration der astrologischen Passagen

 

 Die Astrologie bei Wolfram bewegt sich im Kontext seiner beglaubigenden "Quellen" Kyôt und Flegetânîs sowie der Zauberin Cundry.

 Im neunten Buch, kurz bevor der umherirrende Parzival am Karfreitag zu Trevrizent gelangt, führt der auktoriale Erzähler den Hörer zu diesem Themenkomplex. Parzival findet seinen Weg weder absichtsvoll noch zufällig. Seinem Pferd sagt er: "nu genc nâch der gôtes kür" (P. 452, 9).  Mit losgelassenen Zügeln trabt das Pferd geradewegs zu Trevrizents Klause. Im nachhinein gesehen, muß dies dem Hörer als göttliche Fügung erscheinen. Es folgt der Hinweis des Erzählers, daß Parzival von Trevrizent die Geheimnisse des Grals erfahren wird: "an dem ervert nu Parzivâl / diu verholnen maere umbe den grâl" (P. 452, 29-30). Anschließend führt der Erzähler Kyôt ein, von dem man den Eindruck erhält, er müsse den Erzähler gut kennen, ihm persönlich vertraut sein, daß er ihm ein solches Geheimnis entdeckt. Denn Wolfram erklärt die späte Nennung seiner Quelle damit, daß Kyôt ihn um Stillschweigen gebeten habe, wenigstens solange, bis eine nähere Erläuterung vonnöten sei:

"mich bat ez helen Kyôt,

wand im diu âventiure gebôt 

daz es immer man gedaehte,

ê ez diu âventiure braehte

mit worten an der maere gruoz 

daz man dervon doch sprechen muoz" (P. 453, 5-9).

In wenigen Versen hat der Wolfram-Erzähler das Publikum in erwartungsvolle Spannung versetzt, damit es gemeinsam mit Parzival in das Geheimnis des Grals eingeweiht werde.

In einer zweiten Stufe stellt der Erzähler Kyôt "der meister wol bekant" (P. 453, 11) vor, der in Toledo eine arabische Handschrift fand. Des Arabischen mächtig und dem Christentum zugehörig - sonst wäre es ihm auch nicht möglich gewesen, in das Geheimnis des Grals einzudringen - entschlüsselt er seine Quelle. Die stammt von einem Heiden namens Flegetânîs, der sogar ein Nachfahre Salomons sei.

 

 

Dieser Flegetânîs nun ist der Astrologie kundig. Aus der Konstellation der Sterne liest er, daß es ein Ding namens ‚Gral' gebe, den eine Schar von Engeln auf der Erde zurückgelassen habe, welchen nun Christen mit reinem Herzen hüten müßten. Die Engel-Gral-Christen-Geschichte ist als wörtliches Zitat wiedergegeben mit der angefügten Bemerkung - "sus schreip dervon Flegetânîs" (P. 455, 1).

 Der Erzähler hat also einen Gewährsmann "wol bekant", der eine Quelle im Urtext findet und so gebildet ist, daß er diesen Text selbst übersetzen kann. Der Verfasser der Quelle wiederum ist für seine Gelehrsamkeit berühmt - "bejagte an künste hôhen prîs" (P. 453, 24) - und stammt zudem von dem Bibel bekannten König Salomon ab. Kyôt wird mit der Quelle in der Hand der Spur folgen und nach dem Studium verschiedener Landeschroniken das Gralsgeschlecht mit seiner Verknüpfung zum Hause Anschouwe ausfindig machen. Damit endet der Kyôt-Exkurs (P. 453, 1 - 455, 22) und leitet geschickt in die Fortsetzung der Erzählung über:

"den grâl braehte ûf Amfortas,

des swester Herzeloyde was,

bî der Gahmuret ein kint

gewan, des disiu maere sint.

der rîtet nu ûf die niuwen slâ,

die gein im kom der ritter grâ" (P. 455, 19-24).

Der Kyôt-Exkurs ist als Einschub in die laufende Handlung konzipiert. Der auktoriale Erzähler läßt sowohl seine Quelle sprechen, indem er ein wörtliches Zitat wiedergibt, stellt seinen Gewährsmann Kyôt vor und gibt dessen Studien getreulich wieder, daneben tritt er auch selbst als Kommentator auf. Denn Flegetânîs' Kenntnis der Astronomie kommentiert der Erzähler: "mit der sternen umbereise vart / ist gepüfel aller menschlich art" (P. 454, 15-16) - mit dem Kreislauf der Sterne ist aber das Geschick der Menschen eng verbunden. Hier wird zum ersten Mal eine inhaltliche Verknüpfung zwischen Astrologie - Gral - Christentum - Bestimmung - Parzival hergestellt, die bis zur Berufung Parzivals zum Gralshüter immer wieder in Variationen auftauchen wird.

Nach diesem Auftakt geht die Handlung weiter und Parzival trifft bei Trevrizent ein. In einem langen Zwiegespräch zwischen Trevrizent und Parzival werden nun die im Kyôt-Exkurs angerissenen Themen elaboriert. Denn der Erzähler läßt Trevrizent ausführlich vom steinernen Gral und seiner wunderbaren Wirkung berichten. Auch von der weißen Taube, die am Karfreitag, eben am Tage der Einkehr Parzivals, vom Himmel gesandt, eine Oblate zum Gral trägt und damit die Wunderkraft des Steins erneuert. Zu diesem Zeitpunkt erscheint auch eine Inschrift am oberen Rand des Grals, die verkündet, wer zum Gral berufen ist. Ein Hinweis, der später bei der Berufung Parzivals durch Cundry wieder aufgegriffen werden wird.

Durch Trevrizent erfahren Parzival und das Publikum auch eine erste Erläuterung zum Schicksal Anfortas. Nachdem Parzival seine väterliche Herkunft genannt hat, erläutert Trevrizent ihm seine verwandtschaftliche Zugehörigkeit zum Gralsgeschlecht. In einer zweiten, ausführlicheren Erklärung der Verwundung des Anfortas und der mißglückten Heilungsversuche, verweist Trevrizent auf den Zusammenhang zwischen Wunde und Gestirnlauf. Parzival und das Publikum erfahren so, daß beim ersten Eintreffen Parzivals auf der Gralsburg der Saturn "wider an sîn zil gestuont" (P. 489, 25), was an der Wunde und am Gesundheitszustand des Gralskönigs deutlich wurde. Saturn bewirkt, daß Anfortas Schmerzen leidet, in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist, sein Gemütszustand getrübt ist und er von einer großen inneren Kälte befallen wird. Dies entspricht der mittelalterlichen Saturn-Vorstellung als des Schicksalsplaneten, der Bedrückung, Leid, Krankheit und Not bringt und dessen Natur kalt, heftig und dunkel ist.

Der Erzähler läßt hier Trevrizent als einen Augenzeugen dieser Vorgänge berichten. Schon die Gralsburg ist ein Bereich, der geographisch nicht erfassbar ist, den in der Erzählung nur ganz wenige Menschen erreichen können, ein Ort mit dem Nimbus des Magischen, Mythischen, Transzendenten. Das Einbringen einer kosmischen Dimension wie der geheimnisvollen Astrologie erhöht diese Wirkung. Gleichzeitig gewinnt die Darstellung aus Trevrizents Mund Glaubhaftigkeit.

Im zehnten Buch bindet der Erzähler in die Gawan - Orgeluse Episode einen Absatz ein, in dem er die Astrologie eine Gottesgabe nennt:

 

 

 

"Unser vater Adâm,

die kunst er von gote nam,

er gap allen dingen namen,

beidiu wilden unde zamen:

er erkante ouch ieslîches art,

dar zuo der sterne umbevart,

der siben plânêten,

waz die crefte hêten:

er kante ouch aller würze maht,

und waz ieslîcher was geslaht" (P. 518, 1-10).

Fünf Verszeilen zuvor nennt er Cundry, die aus Indien stammt, und von der schon bekannt ist, daß sie eine Zauberin ist und beim Gral lebt. Daß Cundry auch Kenntnis von der Astrologie hat, könnte das Publikum an dieser Stelle nur vermuten, gesagt wird es hier noch nicht. Aber das Beziehungsgeflecht zwischen Astrologie, Gral und Himmelreich, wie es im Kyôt-Exkurs geknüpft wurde, wird wieder aufgenommen und durch die Erzählung weitergetragen.

Im zwölften Buch erzählt Orgeluse Gawan von der Minne zwischen ihr und Anfortas. Anfortas wird hier durch Orgeluse mit Saturn verglichen, diesmal in einem positiven Kontext:

   "sînen prîs sô hôch gestecket,

   daz in niemen kunde erreichen,

   den valscheit möhte erweichen.

   sîn prîs hôch wahsen kunde,

   daz die andern wâren drunde,

   ûz sînes herzen kernen.

   wie louft ob al den sternen

   der snelle Sâturnus?" (P. 613, 14-21).

Seine Tugenden zeichnen den Gralskönig aus und erheben ihn über alle anderen Ritter. Diese besondere Stellung wird mit der Stellung Saturns verglichen, der auch über allen anderen Sternen seine Bahn zieht. Das erinnert an die positive neuplatonisch-aristotelische Sichtweise bzw. der Stellung Saturns als Götter-Vater wie in Kapitel 4.2 dargestellt.

Nach weiteren Aventiuren und dem glücklich geendeten Bruderkampf zwischen Parzival und Feirefîz kommt es im fünfzehnten und vorletzten Buch zur Gralsberufung Parzivals durch Cundry. Ausgangspunkt ist dabei das Fest von Jôflanze, bei dem auch Artus und sein Gefolge anwesend sind. Der Erzähler schmückt die Festlichkeit mit der Schilderung von Kleidung, Personen und des höfischen Zeremoniells aus. Noch einmal - und wie zur Erinnerung - wird Kyôt genannt: "ob Kyôt die wârheit sprach" (P. 776, 10). Nach dieser Einstimmung lenkt der Erzähler die Aufmerksamkeit auf das Wunderbare, was sich nun ereignen soll, mit den Worten:

   "wol dem küfteclîchen tage!

   gêrt sî ir süezen maere sage,

   als von ir munde wart vernomen!

   man sach ein juncvrouwen komen" (P. 778, 13-16).

Ausführlich beschreibt der Erzähler die edel gekleidete und mit einem Schleier verhüllte Jungfrau, die in den Ring reitet. Das eingestickte Gralswappen deutet auf ihre Herkunft. Es ist Cundry. Nach beendetem Begrüßungszeremoniell wendet sie sich Parzival zu und bittet um Verzeihung für die Verfluchung, die sie einst gegen ihn erhoben hatte, bevor sie ihre Botschaft verkündet:

   "ôwol dich, Gahmuretes sun!

   got wil genâde an dir nu tuon

   ...

   daz epitafjum ist gelesen:

   du solt des grâles hêrre wesen" (P. 781, 3-16).

Der Erzähler unterbricht die wörtliche Rede kurz, um darauf hinzuweisen, daß Cundry nun die sieben Planeten mit ihren arabischen Namen nannte, die Feirefîz bekannt waren:

   "Siben sterne si dô nante

   heidensch. die namen bekante

   der rîche werde Feirefîz,

   der vor ir saz swarz unde wîz" (P. 782, 1-4).

Mit diesem kommentierenden Erzählereingriff im Präteritum weist sich der Erzähler wiederum als Augenzeuge des Geschehens aus. Es folgt die feierliche Nennung aller sieben Planeten durch Cundry. Der Planetenstand zeigt Cundry die besondere Zeitqualität an. Die Zeichen am Himmel und die Inschrift auf dem Gral stehen in Beziehung zueinander.

 

 

 "swaz der plânêten reise

   umblouft, [und] ir schîn bedecket,

   des sint dir zil gestecket

  ze reichen und ze erwerben" (P. 782, 18-21).

Durch Cundry`s Rede wird der Planetenlauf als Anzeiger der göttlichen Bestimmung Parzivals zum Gralskönig - "daz epitafjum ist gelesen: du solt des grâles hêrre wesen." (P. 781, 15-16) - als Höhepunkt und Abschluß der astrologischen Einschübe vermittelt.

 

 

 

 

 

 

 

Schluß

 

 Mit ‚Parzival' reflektiert Wolfram auf die Ereignisse seiner Zeit. Gahmurets Orientfahrt erinnert an die Kreuzzüge, die nicht unwesentlich zum kulturellen Austausch zwischen Orient und Okzident beigetragen haben. Wenn die Figur des Heiden Flegetânîs auch nicht als Person nachweisbar ist, hat sie doch als Vertreter der arabischen Kultur reale Vorbilder in den Gelehrten der iberischen Halbinsel, die das gesammelte antike und arabische Wissen nach Europa vermittelten.

Geschickt verknüpft Wolfram von Eschenbach die verschiedenen Stoffkreise: zeitgenössische Orientbilder, der Sagenkreis rund um die bretonische Artuswelt und die mythische Gralswelt. Dabei dienen ihm die Elemente der arabischen Astrologie zur Echtheitsbezeugung des Gralsgeschehens. Über die Sterne schafft er eine Verbindung zwischen Irdischem und Überirdischem :

 "Unser vater Adâm,

die kunst er von gote nam,

er gap allen dingen namen,

beidiu wilden unde zamen:

er erkante ouch ieslîches art,

dar zuo der sterne umbevart,

der siben plânêten,

waz die crefte hêten:

er kante ouch aller würze maht,

und waz ieslîcher was geslaht" (P. 518, 1-10).

Die Kunst der Sterndeutung wird nicht nur bis in die Anfänge der Menschheit zurückverlegt, sondern, was viel bedeutsamer ist, als direkte Verknüpfung zu Gott dargestellt. "Die kunst er von gote nam" besagt, daß die verliehene Gabe, den Dingen Namen zu geben, die Kräfte der Sterne und die Kräfte der Pflanzen zu erkennen, von Gott stammt, und der Mensch so Kunde von den Beziehungen zwischen der unteren, irdischen Welt, und der oberen, himmlischen Welt, erhält. Die Zeichen am Himmel zu deuten ist damit genauso legitim wie die Heilkräfte der Pflanzen zu nutzen. Damit ordnet Wolfram die Sterne als Teil der göttlichen Schöpfung ein, die zu deuten das Gebrauchen der verliehenen Gabe bedeutet und somit nicht "ungesetzlich" sein kann. Ob er damit indirekt auf die innerkirchliche Diskussion um die Astrologie anspielt, ist ungewiß.

Zur Astrologie im ‚Parzival' kann zusammenfassend festgestellt werden, daß die Alltagskultur des Mittelalters von astrologischer Symbolik durchtränkt war - ob in bildlichen Darstellungen, Amuletten oder magischen Wahrsagebüchlein. Über die spanisch-arabische Vermittlung wurden von 800 - 1200 die Texte griechischer Philosophie, Kosmologie und Naturbeobachtung dem europäischen Mittelalter zugänglich gemacht. Die Texte astronomisch-astrologischen Inhalts waren dabei überproportional mit fast 50% vertreten. Entsprechend nachhaltig drangen diese Einflüsse neben der gelehrten Auseinandersetzung auch in das Bewußtsein der Alltagswelt ein, die ihren Höhepunkt im Spätmittelalter fanden. Wenn wir bei Wolfram von Eschenbach astrologische Einschübe vorfinden, können wir daraus schließen, daß nicht nur dem Autor selbst Grundkenntnisse der Astrologie bekannt waren, sondern daß diese Sternkunde, wenn auch nur in geringem Maße, der Hörerschaft doch so vertraut gewesen sein muß, daß der Erzähler keine näheren Erläuterungen dazu mehr angeben brauchte, um verstanden zu werden. Die Eigenschaften der jeweiligen Planetengötter waren bekannt und gehörten zum Allgemeinwissen der Zeit.

Es werden vergleichsweise häufig astronomisch-astrologische Angaben verwertet, die arabischen Ursprungs sind. Das "läßt sich aus drei Einzelfakten im ‚Parzival' ableiten, die zweifelsfrei den Zusammenhang mit der lateinisch übersetzten arabischen astronomisch-astrologischen Fachliteratur beweisen: die Aufzählung der ‚sieben Planeten' mit ihren arabischen Namen; die Namen der Astronomen Kancor und Thêbit; und die konstruierte Einordnung der Gral-Vorgeschichte in die heidensche = arabische Sternkunde (Flegetânîs) und in die in Spanien übersetzte arabische Fachliteratur (Toledo, Kyôt). Mittelalterliche ‚arabische' Wissenschaft aber bedeutet ihrerseits letztlich nichts anderes als eine Adaption und Fortsetzung antik-hellenistischer Traditionen im islamischen Raum" 118.

Neben der folgerichtigen Anordnung der sieben Planeten nach geozentrischem Weltbild 119 nennt Wolfram von Eschenbach auch den Mondwechsel (P. 483, 15 f; 490, 7 f; 491, 5) und im Trevrizent-Gespräch die Mondknotenachse, gewöhnlich mit Drachenkopf und Drachenschwanz bezeichnet 120. Die Bezeichnung "des trachen umbevart" meint mit Sicherheit nicht das nördliche Sternbild des Drachen, "sondern als astrologisches Element die beiden Schnittpunkte der Mondbahn mit der Ekliptik, für die bei den arabischen Astronomen aufgrund indischer Quellen - und in Abweichung von der griechisch-antiken Terminologie - die Bezeichnung ‚Kopf' und ‚Schwanz des Drachen' gebräuchlich waren. Sie durchlaufen die Ekliptik ähnlich wie die Planeten selbst. Ihre Darstellung findet sich in allen astrologischen und den meisten astronomischen Lehrbüchern der Araber und wurde so auch mit ins Lateinische übersetzt" 121.

Dennoch gehen die astrologischen Passagen nicht über das Allgemeine hinaus. Es wird kein Horoskop gestellt, konkrete Planetenpositioen werden nicht genannt. Es fehlen die Bezugspunkte wie die Planetenstellung in den Häusern, und die Aspekte der Planeten zueinander, die eine fundierte astrologische Aussage zuließen. Auch die Rolle Saturns als Verursacher und Anzeiger von Anfortas Schicksal bleibt eindimensional bestimmt und zehrt von einem allgemein tradierten Saturnbild als Übeltäter.

Wolfram von Eschenbach bringt die Quintessenz astrologischer Lehre summarisch zum Ausdruck. Was die Planeten durch ihren Lauf anzeigen, das wird einem als Schicksal zuteil. Die ausführliche Aufzählung der sieben Planeten in der fremden, orientalischen Ausdrucksweise, vorgetragen von der geheimnisvollen indischen Zauberin Cundry, unterstreicht die transzendental-magische Schicksalsbotschaft an Parzival. Die Berufung Parzivals zum Gral, angezeigt durch den Planetenstand, ist über Zweifel und Zufälligkeiten erhaben - sie erscheint als göttliche, schicksalhafte Bestimmung.

Wie der Gral einen Schwellenort zwischen himmlischer und irdischer Sphäre markiert und göttliche Botschaft vermittelt, so sind auch die Planeten Anzeiger des göttlichen Willens.

Darüber hinaus schafft Wolfram eine Gesellschaftsutopie. Mit seinen positiv gestalteten Orientalen hebt er sich von einem insbesondere durch die Kirche negativ gezeichneten Heidenbild ab. Die Gralsgemeinschaft als vollkommene Gesellschaft ist ein utopischer Entwurf einer Menschheit, die ritterlichen Idealen verpflichtet ist und durch den Gral in unmittelbarer Verbindung zu Gott steht.

 

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1  Schirok hat 86 handschriftliche Textzeugnisse ermittelt, von denen 15 als vollständig und 71 als fragmentarisch gelten. In Kapitel 2 seiner Untersuchung kommt Schirok zu dem Ergebnis, daß der Parzivalstoff mindestens dreimal so verbreitet war wie "Iwein", "Tristan" und das "Nibelungenlied". In Kapitel 3 erarbeitet er die umfassende literarische Rezeption. Schirok, Bernd: Parzivalrezeption im Mittelalter. Darmstadt, 1982.

2  Nach eigener Aussage gehörte Wolfram dem Ritterstand an: "schildes ambet ist mîn art" (P. 115, 11). Wolframs Selbstaussage, er sei Analphabet: "ichne kan deheinen buochstap" (P. 115, 25), darf nicht wörtlich verstanden werden. Gleichwohl setzt er sich damit von den lateinisch gebildeten Dichterkollegen ab. Es wird angenommen, daß er sich mit diesem Bekenntnis eines Topos der geistlichen Literatur bediente - "non cognovi litteraturam" (ich weiß nichts von Buchstaben) -, was die Nichtigkeit des weltlichen Wissens gegenüber der göttlichen Inspiration zum Ausdruck bringen sollte. Es gilt vielmehr als erwiesen, daß Wolfram sich autodidaktisch Fachkenntnisse auf den Gebieten der Kosmologie, Astronomie, Geographie, Naturkunde und Medizin erworben hat. Die Planetennamen im Parzival sollen aus einer lateinischen Übersetzung einer arabischen Quelle stammen. Nachgewiesen ist, daß z. B. die 15 orientalischen Ländernamen, die im "Willehalm" genannt werden, aus der Klimatafel des arabischen Astronomen al-Fargani (9. Jh.) stammen, dessen Schrift durch Gerhard von Cremona im 12. Jh. ins Lateinische unter dem Titel "Liber de aggregationibus scientie stellarum" übertragen wurden. - Obwohl Wolfram kein "litteratus" war, also keine lateinische Schulbildung genießen durfte, muß das nicht bedeuten, daß er nicht wenigstens bruchstückhaft Latein verstanden haben kann. So wird angeführt, daß die adlige Laiengesellschaft um 1200 vielfach durchaus lesen und schreiben konnte und auch ein wenig Latein verstand. Dennoch hat man bei seinen Quellenberufungen nicht den Eindruck, daß er sich das Wissen vornehmlich angelesen habe, vielmehr beruft er sich auf Gewährsleute und damit auf eine mündliche Vermittlung. Ähnlich der Lateinkenntnisse verhält es sich auch mit den Französischkenntnissen Wolframs, deren Aneignung nicht nachgewiesen werden können aber gleichwohl bestanden haben. Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. 7. völlig neu bearb. Aufl., Stuttgart/Weimar, 1997, S. 1-14.

3  Wolfram von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung und Nachwort von Wolfgang Spiewok. Bd. 1-2, Stuttgart, 1997.

4  Seymour, Percy: Astrologie. Beweise der Wissenschaft. Dt. Erstausg., 2. Aufl., Frankfurt/M., 1997.

5  Knappich, Wilhelm: Geschichte der Astrologie. 3. unv. Aufl., Frankfurt, 1998, S. 7 ff.

6  Mann, Golo u. Heuß, Alfred (Hrsg): Propyläen Weltgeschichte. Eine Universalgeschichte. Bd. 1-10, Sonderausgabe, Frankfurt/M., Berlin, 1991, Bd. 2, S. 132.

7  Die Präzession meint das langsame Vorrücken des Fixsternhimmels durch die Bewegung der Erdachse. Dadurch wandern die Sternbilder, die den Sternzeichen den Namen gaben, alle 72 Jahre um 1° weiter. Also ist der Sternhimmel nach 2.160 Jahren um die Länge eines Sternzeichens (30°) vorgerückt, womit die Astrologie den Anbruch eines neuen Zeitalters verbindet. Nach Ablauf des "Platonischen Jahrs", also 25.850 Jahre, ist der Fixsternhimmel wieder soweit vorgerückt, daß Sternzeichen und Sternbilder wieder hintereinander stehen, also zusammenpassen. Da die Astrologie sich aber nur mit den Sternzeichen befaßt und in den Sternbildern nur deren ursprüngliche Namensgeber sieht, hat die Präzession für die Horoskopie keine Bedeutung! Banzhaf, Hajo u. Haebler, Anna: Schlüsselworte zur Astrologie. 4. Aufl., München, 1997, S. 296.

Seitdem wurde auch der von einem Fixstern ausgehende siderische Tierkreis durch den mit dem Frühlingspunkt beginnenden tropischen Tierkreis ersetzt. Vgl. Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 51.

8  Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 41.

9  "Es waren griechische Kolonisten im Ägypten der Spätantike, die ihren heilkundigen geflügelten Götterboten Hermes (lat. Mercurius) mit dem altägyptischen Thot, dem "Dreimal Größten" identifizierten. Thot galt als Gott der Schrift und Magie und wurde wie Hermes als "Psychopompos" verehrt, als Seelenführer in der Unterwelt. Man brachte die Kunstfigur des Hermes Trismegistos auch mit einem sagenhaften Pharao in Verbindung, der den Ägyptern in über 30.000 Büchern sämtliche Kenntnisse in natürlichen und übernatürlichen Dingen beigebracht haben soll, darunter die Hieroglyphenschrift Den Alchemisten galt er als ihr Moses, der ihnen auf der Smaragdtafel die göttlichen Gebote ihrer Kunst überliefert hatte. Diese "Tabula Smaragdina", die man heute auf das 6.-8. nachchristliche Jahrhundert datiert, war seit dem 14. Jahrhundert durch Übersetzungen aus dem Arabischen im christlichen Abendland verbreitet." Roob, Alexander: Das Hermetische Museum. Alchemie und Mystik. Köln, 1996, S. 8.

10 Vgl. Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 48 f.

11 Unter Ekliptik versteht man die scheinbare Laufbahn der Sonne und aller Planeten um die Erde: der Himmelskreis, den die Sonne von der Erde aus gesehen scheinbar innerhalb eines Jahres durchläuft.

12 Eine Parallaxe ist der Winkel, um den ein Objekt verschoben erscheint, wenn man es von einem anderen Ort aus betrachtet. So kann man z. B. die Berechnung einer Gestirnposition nicht vom Standpunkt des Betrachters aus angehen, sondern muß vom Mittelpunkt der Erde ausgehen.

13 Reichel, Ute: Von Gestirnumbläuften, Talismanen und der Kunst Alchymia. Die Rolle der Astrologen an den deutschen Fürstenhöfen des 16. Jahrhunderts. Diss., Darmstadt, 1996, S. 119.

14 Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 50.

15 Die arabische Astrologie erstreckt sich über Persien, Armenien, Mesopotamien, Syrien, Ägypten, Nordafrika, Indonesien, Teile von Indien, Kleinasien, Spanien, Südfrankreich, Sizilien, Balkan und schöpft aus Einflüssen indischer, persischer, syrisch-jüdischer, und griechischer Lehren. Vgl. Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 132 f.

16 Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 135.

17 Die Linie, die ein als laufend gedachter Planet oder Himmelspunkt zu einem als stillstehend gedachten Planeten oder Himmelspunkt zurückzulegen hat in Bezug auf die Äquatorlinie sowie der Drehungsbewegung der Erde.

18 Bei den astrologischen Interpretationen achtete man besonders auf die Zeitenherrscher Saturn und Jupiter und hier besonders auf die Konjunktionen der beiden Planeten wie auch denen des Mars. Die durch die großen Konjunktionen (Konjunktion im selben Grad des Tierkreises) angezeigten Veränderungen würden sich alle 960 Jahre auf die Religion auswirken. Die mittleren Konjunktionen (Trigon; 10 mal in 240 Jahren) sollten die Dauer der Dynastien anzeigen und die kleinen Konjunktionen (einzelne Tierkreiszeichen) deren Verlauf. Vernet, Juan: Die spanisch-arabische Kultur in Orient und Okzident. Zürich/München, 1984, S. 76.

19 In diesen letzten Nächten des Mai 2000 konnten wir gerade am Himmel das Schauspiel einer äußerst seltenen großen Konjunktion erleben, an der fünf Planeten beteiligt waren: Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.

20 So wurde der Untergang des Sarazenenreiches und die Französische Revolution prognostiziert, aber auch Annahmen über Sintfluten und Überschwemmungen, wie z. B. die 20 Konjunktionen von 1524. Die tatsächlichen Entsprechungen manifestierten sich jedoch in den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen, ausgelöst durch den Bauernkrieg, und in den weitreichenden politischen und religiösen Veränderungen (Luther, Calvin, Zwingli).

21 Reichel: Von Gestirnumbläuften, S. 129.

22 Als Weise, abgeleitet vom griechischen Wort magoi (= Magier), wurden die Mitglieder einer persischen Priesterkaste bezeichnet, die sich mit Sternenkunde und Astrologie befaßten; allgemein wurde die Bezeichnung für babylonische und sonstige Astrologen verwendet. Deutsche Bibelgesellschaft: Die Bibel. Lutherbibel Standardausgabe mit Apokryphen. Stuttgart, 1985, Sach- und Worterklärungen, S. 42.

23 Deutsche Bibelgesellschaft: Die Bibel, Das Neue Testament, Matthäus 2, Verse 2 und 9.

24 Eine große Jupiter-Saturn Konjunktion fand dreimal (bedingt durch Vor- und Rückläufigkeit der Planeten) im Jahre 7 v. Chr. in den Fischen statt. 

"Der Bezug des Christentums zu den beiden Zeichen Jungfrau und Fische" ... "ist hingegen traditionell und geht auf zwei Umstände zurück: auf die Tatsache, daß der Frühlingspunkt sich um Christi Geburt vom Widder in die Fische bewegte, d.h. das christliche Zeitalter von Fischequalitäten geprägt war, und auf den Umstand, daß der Stern von Bethlehem, der eine Saturn-Jupiter-Konjunktion in den Fischen war (diese zeigte nach arabischer Auffassung den Beginn einer neuen Religion an), im Westen unter dem Aszendentzeichen Jungfrau stand. Züge des Jungfrauzeichens finden in der christlichen Religion ihren Niederschlag in Form des Marienkultes und den angestrebten Tugenden von Demut und Dienstbarkeit." Reichel: Von Gestirnumbläuften, S. 48.

25 Das Fischezeichen steht für Sehnsucht nach Spiritualität und Transzendenz. Medialität, Weltferne, Opferbereitschaft, Hingabe, Mitgefühl, allumfassender Liebe, Selbstlosigkeit, Passivität sind weitere beschreibende Schlagworte. Als letztes der zwölf Zeichen steht es am Ende eines Zyklus und zeigt einen Schwellenort zwischen Himmel und Erde an.

26 Ute Reichel: Astronomie und Sterndeutung. Die Entwicklung der abendländischen Astrologie im Mittelalter. Marburg, 1996, S. 15.

27 Die Planetenherrscher der Wochentage sind in der französischen oder englischen Sprache deutlich erkennbar erhalten geblieben: Lundi (Montag) = Mond (Luna), Mardi (Dienstag) = Mars, Mercredi (Mittwoch) = Merkur, Jeudi (Donnerstag) = Jupiter, Vendredi (Freitag) = Venus, Saturday (Samstag) = Saturn, Sunday (Sonntag) = Sonne.

28 Reichel, Ute: Astronomie und Sterndeutung, S. 22.

29 Reichel: Astronomie und Sterndeutung, S. 21.

30 Reichel, Ute: Astrologie, Sortilegium, Traumdeutung. Formen von Weissagung im Mittelalter. Diss., Bochum, 1990, S. 33.

31 Reichel: Astronomie und Sterndeutung, S. 11.

32 Gundel: Sterne und Sternbilder, S. 93.

33 Laodicäa: 381, Toledo: 447, Konstantinopel: 553, Bracara: 572. Reichel: Astronomie und Sterndeutung, S. 23.

34 Der Begriff des Quadriviums geht auf Boethius (480-524) zurück und umfaßt Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie. Boethius übersetze Schriften von Aristoteles, Euklid und Ptolemäus ins Lateinische. Er lebte am Hof des Ostgotenkönigs Theoderich der Große (um 500).

35 "Andererseits zeigt die Tatsache, daß man den Ostertermin an das Frühlingsäquinoktium band, die Absicht, die Ostergrenzen, mit denen des Widdersternzeichens zusammenfallen zu lassen. Hierbei spielt zweifellos die altjüdische Tradition eine Rolle, nach der die Weltschöpfung im Frühlingsäquinoktium stattgefunden hat, aber auch die altchristliche Überzeugung von der kosmischen Bedeutung des Todes Christi. Dieser Überzeugung gibt Hippolyt von Rom" ... "in einer Osterpredigt Ausdruck, wenn er das Kreuz Christi den kosmischen Angelpunkt nennt, der die ganze Vielfalt der menschlichen Natur zur Einheit zusammenfaßt." Nobis, Heribert, M.: Zeitmaß und Kosmos im Mittelalter, S. 261-276. In: Mensura, Maß, Zahl, Zahlensymbolik im Mittelalter. Hrsg. von Albert Zimmermann, Berlin, 1984, S. 273 ff.

36 Vgl. Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 159.

37 Im Jahre 1125 wurde in Bologna der erste Lehrstuhl für Astrologie eingerichtet.

38 Vgl. Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 158 ff.

39 Averroes beeinflußte das lateinische Abendland durch seine Kommentare zu den Werken des Aristoteles. Er strebte eine Vereinigung von Philosophie und islamischer Religion an. Kunzmann, P., Burkhard, F.-P., Wiedmann, F. (Hrsg.): dtv-Atlas Philosophie. 8. überarb. Aufl, München, 1999, S. 77.

40 Vgl. Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 162.

41 Vgl. Knappich, Geschichte der Astrologie, S. 173.

42 Rosenberg, Alfons: Zeichen am Himmel. Das Weltbild der Astrologie. 2. erw. Aufl., München, 1984, S. 76 ff.

43 Siehe Abbildung 13 im Anhang.

44 Reichel: Astronomie und Sterndeutung, S. 60.

45 vgl. Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 158 ff.

46 Siehe Abbildungen 1 - 3 im Anhang.

47 "In dem Kalender einer Handschrift aus Zweifalten (12. Jh.) folgt der Fabula, d. h. dem heidnischen Mythus, die "Wahrheit" derselben. Diese zeigt, wie in den alten Tierkreiszeichen biblische Ereignisse weiterleben, so ist der Wassermann eigentlich Johannes der Täufer, der Fisch ist der Walfisch, der Jonas verschlang, der Widder ist von Abraham an Stelle des Isaak geopfert worden, der Stier weist auf Jakob, der dereinst gleich einem Stier mit dem Engel zu Bethel kämpfte. Die Zwillinge sind Adam und Eva, der Krebs Hiob, der Löwe stammt aus Daniels Löwengrube, und die Jungfrau ist auf die heilige Maria gedeutet. Andere Reformversuche entfernten überhaupt die alten Namen, so stellten bereits die Priscillianisten an Stelle der zwölf Tierkreisbilder die zwölf Patriarchen. Später finden wir die Apostel und hervorragende Heilige der katholischen Kirche an ihrer Stelle; allerdings erscheinen daneben doch noch die alten Bilder und Begriffe. Die christlichen Gestalten übernehmen dabei die Rolle der alten Schutzgötter der Tierkreisbilder." Gundel, Wilhelm: Sterne und Sternbilder im Glauben des Altertums und der Neuzeit. Bonn, Leipzig, 1922, S. 77.

48 Siehe Abbildung 14 im Anhang.

49 Rosenberg: Zeichen am Himmel, S. 89.

50 Simon, die hellste Gestalt des Bildes, drückt besonders an Nase und Augen die scharfe Aktionskraft des Widders aus - er ist, wie der Widder im Leibe, der "Kopf" des Tisches. Thaddäus verkörpert den breithalsigen Stier. Matthäus vertritt das "zwiespältige" Mittler- und Doppelzeichen Zwillinge. Kopf und Hände, Gedanke und Tat, sind entschieden nach den entgegengesetzten Richtungen gewendet. Diese Gruppe gehört als Ganzes dem Evangelistensymbol des Stieres zu. Die zweite Gruppe beginnt mit Philippus, dessen auffallend gebeugte und milde Haltung der mondhaften Mütterlichkeit des Krebses entspricht. Die Haltung seiner Hände entspricht zudem des graphischen Symbols des Krebses. Jakobus der Ältere ist dem Löwen zugeordnet, dem Zeichen der feurigen Sonne. Seine Hände sind am weitesten ausgebreitet, in die Welt hinein mit Selbstsicherheit und Tatkraft. Thomas, der Vernünftige, Ungläubige und nüchtern Wägende, ist als Warner dargestellt und entspricht dem Zeichen der Jungfrau. Diese zweite Gruppe untersteht dem Evangelistensymbol Löwe. Die dritte Gruppe beginnt mit Johannes im Zeichen Waage. In der von Harmonie geprägten Waage prägt sich das Gehör am stärksten aus und so ist er dem Petrus zuhörend dargestellt. Zwischen Johannes und Petrus sitzt Judas, dem das Zeichen Skorpion zugeordnet ist. Skorpion gehört zum achten Haus, dem Haus der Wandlungen und des Todes. - Daß der "Verrat" sogar auf Jesus eigenen Wunsch hin erfolgte, wird heute in der historischen Rekonstruktion für möglich bis wahrscheinlich gehalten. - Leonardo läßt ihn das Salz umstoßen, das für Beständigkeit und Reinheit steht. Im Anschluß folgt Petrus, dem Heilszeichen Schütze zugeordnet, das zwischen Erde und Himmel gespannt der Vollkommenheit zustrebt und die Wahrheiten verkünden will. Diese dritte Gruppe untersteht dem Evangelistenzeichen des Adlers. Die vierte und letzte Gruppe ist dem Zeichen des Engels oder auch Wassermanns zugeordnet. Sie beginnt mit Andreas, der das Steinbock-Prinzip verkörpert. Seine Handflächen sind der Welt zugewandt. Der systematische und klar schauende Geist will verwirklichen. Jakobus der Jüngere legt dem Zeichen Wassermann gemäß seine Hand auf Petrus Schulter, womit er Verbundenheit ausdrückt. Er ist kein Mann der Tat sondern der geistigen Schau. Der letzte in der Reihe ist Bartholomäus, der dem Fischezeichen zugeordnet ist. Lauschend und schauend verfolgt er die ganze Szene. Auf der körperlichen Ebene sind den Fischen die Füße zugeordnet, die Leonardo bei ihm als einzigem sichtbar gemacht hat. Vgl. Rosenberg: Zeichen am Himmel, S. 87 ff.

51 Die Gestirnengel werden in der Scholastik vergeistigt aufgefaßt. "Die Sterne werden durch die geistige Nahewirkung oder die Fernwirkung rein geistiger Mächte bewegt. Diese werden entweder als Gestirnintelligenzen oder in der üblichen Weise als Engel nur in metaphysischem Sinne bezeichnet." Die Bewegung durch Intellekt oder Willen geht auf die antiken Theorien zurück und hier vor allem auf Aristoteles. Gundel: Sterne und Sternbilder, S. 99.

52 Vgl. Vernet: Die spanisch-arabische Kultur, S. 96 ff.

53 Die spanisch-arabische Kultur des Mittelalters wurde getragen sowohl von Arabern als auch von Persern, Türken, Juden und Spaniern, die sich gemeinsam der arabischen Sprache bedienten.

54 28 arabische Autoren, die im 15. Jahrhundert in Europa gelesen wurden, lebten zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert, mehrheitlich im 11. und 12. Jahrhundert. 26 von ihnen wurden vor 1500 in einer lateinischen Übersetzung gedruckt, teils mit mehreren Auflagen, die fast immer in Spanien entstanden sind. Von 25 Autoren, die zwischen 750 und 1050 gelebt haben, waren 22 Araber. Vernet: Die spanisch-arabische Kultur, S. 95.

55 Vernet: Die spanisch-arabische Kultur, S. 94 ff.

56 "Das Astrolabium ist ein Himmelsmeßgerät, das Ptolemäus unter dem Namen Planisphärium bekannt war; die Anleitung zu seiner Anfertigung gelangte durch die lateinische Übersetzung der arabischen Version, welche Herrman von Dalmatien 1143 anfertigte, ins lateinische Abendland. Diese Übersetzung wurde in zahlreichen Handschriften tradiert und galt als autorisierte Quelle. In dem Traktat wurde die komplizierte Astrolabkonstruktion anschaulich erklärt. Wegen der Konstruktion der fixierten Sternpositionen war das Astrolab zur Sternbeobachtung geeignet; die astronomische Zeitrechnung benötigte die Fixierung von ein oder zwei Sternen, um eine Zeitangabe zu erhalten. Vorraussetzung dafür war das sichere Auffinden der auf dem Astrolab verzeichneten Sterne. Auf diese Weise diente es auch als Hilfsgerät für Astrologen und Seeleute ... Der Gebrauch des Astrolabiums erfolgte so, daß zunächst einmal anhand des Längen- und Breitengrades eines bestimmten Ortes unter Hinzuziehung der Sonnenposition der jeweilige Standort ausgemacht werden soll; die exakte Mondposition ist dem Sonnenstand entweder zu- oder abzuziehen und der betreffende Wert den Alfonsinischen Tafeln zu entnehmen." Reichel: Von Gestirnumbläuften, S. 16.

57 Knappich: Geschichte der Astrologie, S. 158.

58 Kosmographien wie: "De caelo" (Aristoteles), "De mundo", "Meteore", "Tabula smaragdina", "Imago mundi". Werke wie: "Data", "Optik", "Phänomene" von Euklid, die "Sphärik" von Theodosios, "De sphaera mota" von Autolykos, "Sphäre und Zylinder" des Archimedes, "De solis et lunae magnitudinibus et distantiis" von Aristarch, die "Anaphorica" des Hypsikles, die "Sphaerica" des Menelaos und andere mehr. Vernet: Die spanisch-arabische Kultur, S. 147 ff.

59 Die "Alfonsinischen Tafeln" sind nach König Alfons X. von Kastilien (gest. 1285) benannt, der den Beinamen "Astrologus" trug und der größte Förderer der Astronomie und Astrologie in Spanien war. Diese Planetentafeln enthielten Angaben über die Gestirnstände von Sonne, Mond und den fünf Planeten; sie wurden zwischen 1248 und 1272 von arabischen, jüdischen und christlichen Gelehrten erarbeitet und waren während der folgenden Jahrhunderte bei Astronomen und Astrologen häufig im Gebrauch. Reichel: Von Gestirnumbläuften, S. 16.

60 In dem meistgebrauchten Sternverzeichnis, dem Almagest, sind 1025 Sterne in 48 Sternbildern angeordnet. Sie werden unter Angabe der Ekliptiklänge, Breite und Größe benannt. Das ptolemäische Verzeichnis wurde auch in die Alfonsinischen Tafeln mit eingearbeitet. Kunitzsch, Paul: Typen von Sternverzeichnissen in astronomischen Handschriften des zehnten bis vierzehnten Jahrhunderts. Wiesbaden, 1966, S. 1.

61 Vgl. Vernet: Die spanisch-arabische Kultur, S. 167 ff.

62 Vernet: Die spanisch-arabische Kultur, S. 170.

63 Die Philosophen der Antike betonen entweder die unvergängliche, reine Beschaffenheit der Gestirnmaterie oder die in einer lichten Hülle wohnende göttliche Seele der Gestirne. Die älteren Philosophen unterstreichen die materielle Vollkommenheit des Gestirnkörpers, der Begriff der Göttlichkeit zielt dabei mehr auf die Unzerstörbarkeit und Ewigkeit der Gestirnsubstanz. "Plato steht im Timaeus auf einer Mittellinie; hier besteht der Stoff der Gestirngötter aus einer Mischung der vier Elemente, in der das feurige Element überwiegt, aber sie sind die sichtbaren Götter, die schönsten und besten Lebewesen, denen die Erschaffung der materiellen Wesen obliegt." ... "Plato hat" ... "die Frage aufgeworfen, wie man sich das belebende Moment der Gestirngötter denken kann, und ist dabei zu folgenden Ergebnissen gelangt: 1. Eine göttliche Seele wohnt in den Gestirnen, sie ist in dem ringsum sie umschließenden leuchtenden Körper und bewegt diesen von sich aus, wie unsere Seele den Leib überall hin denkend bewegt. 2. Die Seele hat einen Körper von Feuer oder von einem bestimmten Pneuma von außen von irgendwoher bekommen; mit diesem Körper bewegt sie von außen mit körperlicher Gewalt den Sternenkörper. 3. Die Seele der Gestirne hat überhaupt keinen Körper, hat aber Kräfte, die bestimmte andere übertreffen, sie leitet in wunderbarer Weise den Sternkörper." Gundel: Sterne und Sternbilder, S. 86 f.

"Die Vorsokratiker kennen die Gleichsetzung des Seelenprinzips mit dem Feuer und dem Licht der Gestirne, ja Heraklit nennt die Menschenseele direkt einen Funken aus der Sternmaterie. In pythagoreischen und orphischen Kreisen begegnen wir der mehr religiösen Fassung, daß die Seelen nach dem Tode in Sterne verwandelt würden, und daß die Milchstraße aus den hellglänzenden Seelen der Heroen besteht." Gundel, Sterne und Sternbilder, S. 119.

Die Göttlichkeit der Sterne erklärt Aristoteles aus der Beschaffenheit der Gestirnmaterie, diese ist ein fünfter Stoff, der keine Verwandtschaft mit den irdischen Elementen hat, in ihm ist eine göttliche Kraft. Vgl. Gundel, Sterne und Sternbilder, S. 87.

64 Siehe Abbildungen 4 - 6 im Anhang.

65 Reichel: Astronomie und Sterndeutung, S. 48.

66 Reichel: Astronomie und Sterndeutung, S. 49 f.

67 Vgl. Kunzmann / Burkard / Wiedmann: dtv-Atlas Philosophie, S. 63 ff.

68 Reichel: Astrologie, Sortilegium, Traumdeutung, S. 30.

69 Vgl. Ranke-Graves, Robert von: Griechische Mythologie. Quellen und Deutung. 11. Aufl., Reinbek/ Hamburg, 1984, S. 30-33.

70 Klibansky, R., Panofsky, E., u. Saxl, F.: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. 3. Aufl., Frankfurt/Main, 1998, S. 212 f.

71 Klibansky / Panofsky / Saxl: Saturn und Melancholie, S. 221.

72 Klibanxky / Panofsky / Saxl: Saturn und Melancholie, S. 237.

73 Siehe Abbildungen 7 - 9 im Anhang.

74 Klibansky / Panofsky / Saxl: Saturn und Melancholie, S. 207 f.

75 Stegemann, Viktor: Aus einem mittelalterlichen deutschen astronomisch-astrologischen Lehrbüchlein. Eine Untersuchung über Entstehung, Herkunft und Nachwirkung eines Kapitels über Planetenkinder. Hildesheim, 1973, reprographischer Nachdruck der Ausgabe Reichenberg 1944, S. 64.

76 Siehe Abbildung 10 im Anhang.

77 Vgl. Banzhaf, Hajo: Das Arbeitsbuch zum Tarot. 17. Aufl., München, 1997, S. 10 f.

78 Siehe Abbildung 11 im Anhang.

79 Die Zahl Vier finden wir in den vier Jahreszeiten, den vier Windrichtungen, den vier Elementen, den vier Flüssen, die aus dem Strom im Garten Eden entstanden sind: Pischon (Geist - Feuer), Gichon (Atem - Luft), Tigris (Körper - Erde) und Euphrat (Blut -Wasser). Sie symbolisieren Geist, Verstand, Körper und Seele. In der Zahlenmystik steht die Vier für Recht und Ordnung, das Maß, die physische und materielle Ebene, Vernunft, Quadrat und Kreuz. Die Zahl Vier erinnert auch an die vier Wesen vor dem Thron Gottes und die vier Evangelisten: Matthäus - Engel, Lukas - Stier, Markus - Löwe, Johannes - Adler.

80 heidrouse = hegedrouse: hode, schamteil. Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. Aufl., Stuttgart, 1992.

81 Die Meinungen zum Kyôt-Problem sind unterschiedlich. Während vor allem Herbert Kolb die Existenz Kyôts nachzuweisen versuchte, forschten San-Marte und Wolfgang Mohr nach dem "Provenzalen" Guiot de Provins. Ulrich Ernst suchte nach einer Kyôt-Quelle in Spanien, also dort, wo Wolfram angeblich die Quelle fand. Ein historisch bezeugter Kyôt konnte trotz der Bemühungen nicht nachgewiesen werden. Zwei Thesen bleiben: 1. Durch die Angabe einer fiktiven Quelle hat Wolfram den Wahrheitsgehalt seiner Parzival-Dichtung, die ja doch nicht unerheblich von der Vorlage Chrétiens abweicht, untermauern wollen, denn die Rückführung der Erzählung auf eine alte arabische Quelle und auf eine lateinische Anjou-Chronik geben dem Gralsgeschichte eine historische Dimension. 2. Die Berufung auf Kyot ist vielleicht als Parodie Wolframs auf die Quellenberufungen seiner Dichter-Kollegen zu verstehen. So hatte Gottfried von Straßburg ihm vorgeworfen, ein "Erfinder merkwürdiger Geschichten, ein Verderber der Quelle" zu sein. So könnte Kyôt eine Replik auf den Vorwurf und ein Spiel mit der herrschenden Quellengläubigkeit sein. Vgl. Bumke: Wolfram von Eschenbach, S. 165 ff.

In einer Fernseh-Dokumentation über den heiligen Gral wurde die These aufgestellt, daß es sich bei Kyôt um Gien von Narbonne handele, der in Toledo (?) im Auftrag König Alfons I. von Kastilien (Alfonso Henriquez, 1112-1185) die Gralsgeschichte aufschrieb. Mit Verweis auf den ähnlichen Klang des Namens, einer Verwundung Alfons I. und architektonischen Gegebenheiten des Herrschersitzes wurde die These aufgestellt, es könne sich bei Alfons um die reale Figur des literarischen Anfortas handeln. In der noch heute in Valencia erhaltenen Schrift des Gien von Narbonne wird das Gralsgefäß "calice lapideum", also steinerner Kelch genannt, was mit dem "lapsit exillis", dem steinernen Gefäß Wolframs korrespondiert. Ein solches Gefäß aus dieser Zeit ist erhalten, sein Sockel besteht aus Onyx. Die genannten Anhaltspunkte sowie der zeitliche Abstand von nur knapp zwei Generationen könnten wohl für einen Gewährsmann Wolframs namens Kyôt = Gien sprechen. ARTE 2000: Sphinx: Geheimnisse der Geschichte: Im Zeichen des Heiligen Bluts - König Artus und die Suche nach dem Gral. (05. August 2000, 20.45 Uhr).

82 Wolfram von Eschenbach: Parzival, Nachwort, Bd. 2, S. 688.

83 Die gelegentlichen Übersetzungsversuche von Flegetânîs mit ‚felek thâni' oder ‚falak tãni' oder, wie die Transkription richtig lauten müßte, ‚al-falak at-tãni', was gleichbedeutend wäre mit "zweite Sphäre" und den Titel einer arabischen astronomischen Schrift angeben soll, weist Kunitzsch entschieden als Irrweg zurück. Kunitzsch, Paul: Reflexe des Orients im Namengut mittelalterlicher europäischer Literatur. Hildesheim, Zürich, New York, 1996, S. 14 ff.

Auch die Deutung des Namens Flegetânîs als fehlerhafte Transkription des arabischen Astronomen al-Fargani weist Kunitzsch als "konstruiert" zurück. "Der Name Flegetânîs zeigt keinerlei Anklang an bisher bekannte westliche Formen arabischer Namen und dürfte, willkürlich aufgegriffen, einem Zusammenhang entstammen, der weder mit Arabischem noch mit Astronomisch / Astrologischem zu tun hatte." Kunitzsch: Reflexe des Orients, S. 69.

 

 

84 Der Gral wird hier ausdrücklich als Stein beschrieben, der an späterer Stelle die unübersetzbare Bezeichnung "lapsit exillîs" (P. 469, 7) erhält.

85 ‚Anschouwe' wird allgemein auf das französisch-englische Anjou bezogen. Wie Kunitzsch mit Fragezeichen anmerkt, gibt es auch ein steiermärkisches Anschowe. Kunitzsch: Reflexe des Orients, S. 61.

Wolframs bezieht seine Ausführung über das französische Erbrecht im Prolog sofort auf Deutschland: "des pfliget ouch tiuscher erde ein ort" (P. 4, 29). Das "jus Francorum" konnte für die rheinländischen Grafschaften und den fränkisch-bayerischen Süden, der Heimat Wolframs, nachgewiesen werden. Warum weist Wolfram auf das Erstgeburtsrecht in bestimmten deutschen Landstrichen hin? Meinte Wolfram mit Anschouwe wirklich Anjou oder vielleicht doch das fränkische Anschowe?

86 Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch,. 38. Aufl., Stuttgart, 1992, S. 335 f.

87 Ein Blick in die Ephemeriden verrät, daß man hier tatsächlich die Zeitangabe pauschalieren muß, da sich Saturn, bedingt durch Direkt- und Rückläufigkeiten, auch mal zwischen zwei Zeichen hin und her bewegt und sich so unterschiedlich lang in den verschiedenen Zeichen aufhält.

88 "dô der junge werde man / kom heim zuo den sînen, / dâ sach man jâmer schînen. / ... / dô uns der künec kom sô bleich, / unt im sîn craft gar gesweich, / in die wunden greif eins arztes hant, / unz er des spers îsen vant: / der trunzûn was roerîn, / ein teil in den wunden sîn: / diu gewan der arzet beidiu wider." (P. 479, 28 - 480, 9).

89 "ein knappe spranc zer tür dar în. / der truog eine glaevîn / ... / er truoc si in sînen henden / alumb zen vier wenden, / unz aber wider zuo der tür. / der knappe spranc hin ûz dervür." (P. 231, 17 - 30). Die Jungfrauen aber kommen durch eine stählerne Tür: "ein stählîn tür entslozzen was" (P. 232, 10).

90 Parzival, 315 - 318, Bd. 1, S. 534 ff.

91 bâruc: hebr. ‚Baruch' bedeutet übersetzt ‚der Gebenedeite'.  Parzival, Erläuterungen, Bd. 1, S. 27.

"Der Kalif, sein Rang, seine Residenz werden genannt - sein echter Titel ‚Kalif' dagegen (in beiden Formen, als ‚Kalif' und als amir al-mu'minin, ‚Fürst der Gläubigen', seit Jahrhunderten in der Chronistik immer wieder aufs neue vertreten) fehlt. Dafür ist ein völlig sachfremdes hebräisches Wort eingesetzt: bâruc (d. h. baruk, Partiz. Pass., ‚gesegnet'), das Wolfram offenbar einem Gewährsmann, einem Kleriker wohl, verdankt." Kunitzsch: Reflexe des Orients, S. 44 f.

92 Der Begriff der Toleranz bezog sich im Mittelalter vorwiegend auf den religiösen Bereich und war Gegenstand zahlreicher Erlasse und Verordnungen. Toleranz meinte vor allem Duldungsbereitschaft. Im klerikalen Mittelalter kam der Begriff der Toleranz meist in seiner lateinischen Entsprechung tolerantia (bzw. in der Verbform tolerare: nhd.: erdulden, ertragen) zur Verwendung, und dies vorwiegend in der Rezeption der Kirchenväter und der Bibel. Raucheisen, Alfred: Orient und Abendland. Ethisch-moralische Aspekte in Wolframs Epen Parzival und Willehalm. Frankfurt/M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien, Diss., 1997, S. 21 f.

Im modernen Verständnis erfährt der Begriff der Toleranz eine Ausweitung und meint ein entgegenkommendes Anerkennen des Anderen, das als gleichwertig gewährt wird und erlaubt ist.

93 "ame grâle man geschriben vant, / swelhen templeis diu gotes hant / gaeb ze hêrren vremder diete / ... / unt daz er in hulfe rehtes" (P. 818, 25-30).

94 Daneben gehört Jupiter in der mittelalterlichen Astrologie auch noch dem Zeichen Fische und somit dem 12. Haus an, da der heutige Herrscher der Fische - Neptun - noch nicht entdeckt war.

95 Die ritterlichen Tugenden sind: êre, triuwe, mâze, staete, milte, zuht.

96 In Vers 770 werden nicht weniger als 30 Herzöge und Könige genannt, die in seinem Dienst stehen.

97 Raucheisen: Orient und Abendland, S. 34 ff.

98 Kunitzsch: Reflexe des Orients, S. 12.

99 Kunitzsch: Reflexe des Orients, S. 91 f.

100  Zum Problem der Wissensaneignung Wolfram von Eschenbachs merkt Kunitzsch an: "Gerade auch das Element mündlicher Berichte, von Augenzeugen etwa, sollte prinzipiell ausgeschaltet bleiben. Wir wissen hinreichend aus dem Mittelalter, wie selten Schrift und Buch damals waren, wie wenige Menschen sich auch nur des seit einem Jahrtausend fixierten Lateins sicher bedienen konnten. Um wieviel schwieriger ist demgegenüber die schriftliche Notierung nationalsprachlicher Texte zu bewerten! Und nur ganz wenige Spezialisten waren unter besonders günstigen Bedingungen in der Lage, gar orientalische, dem westlichen Ohr völlig fremde Namen und Wörter in lateinischer Schrift aufzuzeichnen. Denken wir an die polyglotten Übersetzer in Spanien, die dort im Einzugsgebiet der einschlägigen Sprachen, des Arabischen, des Hebräischen und des romanischen Umgangsidioms, lebten, oder an einzelne Kleriker im lateinischen Orient, wie besonders Wilhelm von Tyrus. Von daher ist es also höchst unwahrscheinlich, von Wolfram, der seine eigene Unerfahrenheit im Umgang mit lateinischer Bildung und Schrift selbst hervorhebt, zu erwarten, daß bei ihm mündlich berichtete Orientnamen ihre erste schriftliche Fixierung, auf Deutsch, erfahren hätten! Wir bleiben also weiterhin" ... "grundsätzlich darauf angewiesen, schriftliche Vorlagen und Quellen für sein Material, zumal seine Orientkenntnisse, vorzuweisen, um diese glaubhaft zu erklären." Kunitzsch: Reflexe des Orients, S. 63 f.

101  "In Italien und im Frankreich südlich der Loire, vor allem im burgundishen Raum, entwickelte man verschiedene Formen des Gemeinschaftsbesitzes, um der Landzersplitterung vorzubeugen." ... "Der ritterliche Allodialbesitz" ... "war dort zu Ende des 11. Jh. überwiegend gemeinschaftlicher Besitz der engeren oder weiteren Familie. Die so geschaffene Rechtsform nannte man Frérêche (fraternitia)." ... "Im Erbfalle teilte man den Besitz nicht auf, sondern führte ihn in Gesamtregie der Geschwister weiter." ... "Die Kontrolle des Individuums durch das Familienoberhaupt scheint gegen Ende des 11. Jh. außerordentlich stark gewesen zu sein. Dies galt vor allem für die Heiratspolitik, denn der Erfolg der Frérêche hing davon ab, daß die Zahl der Teilhaber das wirtschaftlich vertretbare Maß nicht überschritt. Man mußte also die Kinderzahl entgegen der allgemein wachsenden Bevölkerungszahl möglichst konstant halten. Hier gab es nach der damaligen Kenntnis nur eine wirklich wirksame Maßnahme, nämlich eine bewußte Restriktion der Ehen. Wuchsen dennoch zu viele Erben nach, so mußte man sehen, daß man einen Teil davon als Kleriker unterbrachte." ... "Die strenge Wahrung der Familienautorität mußte unabhängigen Gemütern zuwider sein; nicht alle waren bereit, sich den harten Anforderungen des Kollektivs zu beugen." ... "Den einen Weg aus der Gemeinschaft bot die Kirche, aber er führte von einem Kollektiv ins andere. Der Kreuzzug dagegen, ein anderes großes Ventil im 12. Jh., bot eine wirkliche Möglichkeit zur Verselbständigung des einzelnen." Mayer, Hans Eberhard: Geschichte der Kreuzzüge. 7. verb. Aufl., Stuttgart, Berlin, Köln, 1989, S. 26 f.

102  Raucheisen, Alfred: Orient und Abendland, S. 153.

103  Raucheisen, Alfred: Orient und Abendland, S. 51.

104  Bumke, Joachim: Ministerialität und Ritterdichtung. Umrisse der Forschung. München, 1976, S. 59.

105  Bumke: Ministerialität und Ritterdichtung, S. 15.

106  Zur Erläuterung der Planetennamen: Zval (arab. Zuhal) = Saturn; Almustri (arab. Al muschtari) = Jupiter; Almaret (arab. Al mirrih) = Mars; Samsi (arab. Schams) = Sonne; Alligafir (arab. Al Zuhari) = Venus; Alkiter (arab. Al 'utarid) = Merkur; Alkamer (arab. Al qãmãr) = Mond. Parzival, Erläuterungen, Bd. 2, S. 595.

Die arabischen Sternverzeichnisse wurden immer wieder abgeschrieben und übersetzt. Kunitzsch merkt dazu an: "Die Schreiber hatten in vielen Fällen keine Vorstellung von dem, was sie da abschrieben." ... "Natürlich erlitten auch die arabischen Sternnamen in den Handschriften stärkste Entstellungen." ... "Selbst älteste Handschriften zeigen gelegentlich bereits sehr starke Korruptionen" ... "woraus zu schließen ist, daß uns die Überlieferung nur sehr lückenhaft, ja fast nur in Form von zufälligen Durchblicken, bekannt ist." Kunitzsch: Typen von Sternverzeichnissen, S. 9 f.

Bedenkt man, daß die Sternnamen oftmals in veränderten Schreibweisen tradiert wurden, verwundern die von Wolfram verwendeten Namen nicht, zumal wir nicht einmal wissen, ob ihm eine schriftliche Quelle mit verzeichneten Sternnamen überhaupt zugänglich war. Sie erscheinen vielmehr erstaunlich gut erhalten.

107  "sô wart er zuome grâle getragen, / ez waere im lieb oder leit: sô twang in des diu siechheit, / daz er diu ougen ûf swanc: / sô muose er âne sinen danc / leben und niht ersterben" (P. 788, 24-29).

108  Deinert, Wilhelm: Ritter und Kosmos im Parzival. Eine Untersuchung der Sternkunde Wolframs von Eschenbach. München, 1960, S. 69 f.

109 "ichne wil niht daz verderbe / gein gote mîn dienstlîcher muot. des grâles crône ist alsô guot: / die hât mir hôchvart verlorn: / nu hân ich diemuot mir erkorn" (P. 819, 16-20).

110  Die drei äußersten, transpersonalen Planeten wurden der Reihe nach wie folgt entdeckt: Uranus (1781), Neptun (1846), Pluto (1930).

111  Greub, Werner: Wolfram von Eschenbach und die Wirklichkeit des Grals. Dornach, 1974, S. 177-477.

112 Nellmann, Eberhard: Wolframs Erzähltechnik. Untersuchungen zur Funktion des Erzählers. Wiesbaden, 1973, S. 15.

113 Außerliterarische Anspielungen finden sich wie folgt: Buch IV: Graf von Wertheim (184, 4 ff.), Trüdinger Pfanne (184, 24 f.), Spessart (216, 9 ff.). Buch V: Abenberg (227,9 ff.), Wildenberg (230, 12 f.). Buch VI: Hermann von Thüringen (297, 16 ff.), Heinrich von Reisbach (297, 12 f.). Buch VII: Regensburg (377, 30 ff.), Erfurt (379, 18 f.). Buch VIII: Elisabeth von Vohburg (403, 29 ff.), Dollnstein (409, 5 ff.). Buch IX: Aquileia, Friaul, Cilli (496, 19 ff.), Cilli, Rohitsch, Haidin, Grajena, Drau, Steiermark (498, 19 ff.). Schirok: Parzivalrezeption, S. 26.

114 Nellmann: Wolframs Erzähltechnik, S. 50 ff.

115 Nellmann: Wolframs Erzähltechnik, S. 52.

116  Haferland merkt dazu an, daß Wolfram diese Art der Beglaubigung nicht aus der literarischen sondern aus der geheimwissenschaftlichen Tradition übernommen habe, in der die Konstruktion von Auffindungslegenden gebräuchlich gewesen sei. Haferland, Harald: Erzählen als Beglaubigung. In: Haferland, H. u. Mecklenburg, M. (Hrsg.): Erzählungen in Erzählungen. Phänomene der Narration in Mittelalter und Früher Neuzeit. München, 1996, S. 434 ff.

 

117  Nellmann: Wolframs Erzähltechnik, S. 58.

118 Als Quellen der arabischen Fachliteratur, deren Wissen bei Wolfram Verwendung findet, führt Kunitzsch folgende Autoren an: Claudius Ptolemäus, Abu Ma'sar, Masa'allah, al-Qabisi, Ali ibn Abi r-Rigal, al-Battani, al-Fargani und die ‚Toledanischen Tafeln' jeweils in lateinischen Übersetzungen. Kunitzsch: Reflexe des Orients, S. 65 ff.

119 "Auch sie entstammen, wie die Formen bezeugen, den in Spanien entstandenen Übersetzungen, wenngleich bis jetzt noch kein Text nachgewiesen ist, der alle sieben geschlossen in der Form bietet wie Wolfram." Kunitzsch: Reflexe des Orients, S. 93.

120  Siehe Abbildung 12 im Anhang.

121  Kunitzsch: Reflexe des Orients, S. 94.

 

 

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